Im Nebel, gerade vor ihm, stand eine ferne Gestalt, nicht mehr als ein Schatten. Georg selber stand wie sein Herz. Das jagte im nächsten Augenblick Wellen und Sprünge unzähliger wütender Schläge bis gegen seinen Hals hinauf. Ihn grauste.

Dann ermannte er sich. Schwerfällig und langsam formten sich Vorstellungen in ihm. Jason ... Rieferling ...

Wenn es aber einer von ihnen wäre, so würde er doch kommen ... Er wartete ... Plötzlich hatte er mit großer Erleichterung das gewisse Gefühl, daß der dort ihm den Rücken zuwandte und von ihm nichts wußte; es war der Hauptmann. Er wollte ihn rufen, aber das gelang ihm nicht. Nur räuspern konnte er sich und tat es, so laut er vermochte.

Der Schatten bewegte sich nicht, und nun war Georg doch nicht mehr sicher, daß er von ihm abgewandt stand. So versuchte er jetzt, sich auf den Namen zu besinnen, jenen Namen, — allein während das Grauen wieder in ihm stieg, merkte er, daß jenes Wort nicht zu finden war. Es lag auf seiner Zunge, Georg stieß ... Al— Albert ... Aldebaran ... Baldamus ... Nein M! ein M wars. Ma— — Magus ...

In diesem Augenblick schien der Schatten zu schwinden, und Georg flüsterte Atem schöpfend: Eine Sinnestäuschung! — worauf er sich einen Stoß gab und vorwärts ging. Mut zeiget auch ... flüsterte es in ihm, Mut zeiget auch ...

Aber mit einem maßlosen Entsetzen mußte er plötzlich merken, daß er nicht gradeaus ging, nicht konnte, daß seine Füße — er drückte mit aller Gewalt —, nein, die Füße wollten nicht dorthin, wo der Schatten gewesen war, sie sträubten sich wie Tiere, es war fast, als ob sie knurrten und sich gegenstemmten, und Georg überließ sich ihnen in hängender Schlaffheit, so daß sie ihn in einer gebogenen Linie nach rechts davonführten, und — — da war der Schatten wieder, bewegte sich, glitt, auf derselben Höhe mit ihm.

Georg wußte, wenn er jetzt nur den Namen hatte, wenn er ihn rief, brüllte, so war alles verschwunden. Aber er konnte nicht, er ging, und plötzlich war der Schatten weg.

Unter dem Nebel, fünf Schritte vor Georg, glänzte es. Etwas Blinkendes lag dort, ein Krokodil, — das Wasser. Dennoch spürte Georg für eine Sekunde eine Erleichterung. Er wußte nun, worauf es ankam, und wo er war. Er mußte wieder nach rechts hinüber. Ich will laufen, dachte er, setzte auch dazu an, aber seine Beine waren schwer wie Säcke voll Sand. Nun redete er sich Mut zu. Das ist ja alles Unsinn! Es ist ja nichts da! Du bist übermüdet, du hast Einbildungen! und er ging derweil mit zusammengebissenen Zähnen, den Kopf gesenkt, die Augen halb geschlossen, hin und wieder strauchelnd, nur mehr sich nach rechts haltend, längst in der Gewißheit, daß die Gestalt jetzt hinter ihm herkam. Nun würde sie sich weiter und weiter vorschieben, bis sie auf seiner Höhe, zwischen ihm und dem Deich war. Oh dieser verruchte Nebel! Er sah nach oben. Einen Stern! nur einen einzigen Stern!

Georg blieb stehn. Fast war er bereit, sich auszuliefern. Er fühlte, daß unter seinem Stirnhaar sich Tropfen lösten und kalt über sein Gesicht rannen. Er hatte zu nichts mehr Kraft. Wie lange Zeit so verging, wußte er nicht. Endlich drehte er langsam den Kopf, langsam schließlich den Rumpf. Da war die Gestalt, stehend wie er selber.

Georg ging wieder; er ging und summte dazu im Takt seiner Füße. Dann zählte er: Eins — zwei — drei — vier — fünf — sechs ... Irgendwo in einer unsichtbaren Ferne war ein erleuchtetes Fenster, und er sah das Haus, die Umrisse in der Nacht, und rechts davon, drei Schritte weit von ihm selber den Abhang des Deiches, wo er ein Ende nahm. Er glaubte, alldas wirklich zu sehn, aber als er es ins Auge faßte, war da nur Nebel.