Auf einmal — er tat, als geschehe es unabsichtlich — blickte er nach rechts und bemerkte den Schatten dort etwas hinter sich, der ihm nachging.

Georg schritt aus, so gut er konnte. Er ging ja nach rechts, gleich mußte der Deich kommen, bald auch die Lücke, und er rechnete: sieben Minuten konnten es im ganzen sein, ein gutes Stück hatte er schon hinter sich und —

Was war das? Es glänzte grade vor ihm. Das Wasser! Wo kam das Wasser her? War er doch daraufzu gegangen? Oder — nein, hier war eine Buchtung, das Wasser schnitt tiefer in den Strand ein, — merkwürdig! fiel ihm ein, wo sind denn die Buhnen geblieben? Ah, versandet! besann er sich und machte sich klar, daß er nun rechtshin am Wasser einhergehn müsse, — worauf er sich drehte, schon spürend, daß seine Füße einsanken, im aufgeweichten Sandboden strauchelte und nun die Gestalt grade vor sich entdeckte, allerdings entfernt.

Der Kopf fiel ihm vornüber. Aber jetzt, wie er in dem weicheren Sand dahinging, sich am Wasser haltend, so dicht er konnte, fing er an, sich zu sammeln. Haha! dachte er, die Gewohnheit, da ist sie ja wieder! Ich habe mich daran gewöhnt! — Und er konnte sich nun wieder besinnen, ihm fiel allerlei ein, eine blaue Jacke erschien sehr schön, der Chinese, die Kerze vor den Schubläden mit glänzenden Messingknöpfen, daneben, mit Schatten gefüllt, die Nische, dann der Park von Helenenruh, sommerlich, grün ... und nun bemerkte er, daß die Nässe und das Wasser zu seiner Linken waren. Er ging weiter nach rechts, seine Eile verhaltend in der Vorstellung, wenn er liefe, würde die Gestalt auf ihn stürzen. Da! da war sie ja, fast auf gleicher Höhe mit ihm, sie war näher, sie wollte ihn gegen die See drängen, er mußte sie mit aller Gewalt wegdenken, denn das Grausen rieselte von ihr aus, und er ging, die linke Hand auf der Stelle seines Anzugs, wo er die Uhr fühlen konnte, die sich nicht lesen ließ in dem Dunkel. Wo blieb denn die Lücke im Deich? Sieben Minuten mußten lange vorüber sein ...

Da blieb er stehn. Seine Kraft war dahin. Das heißt, dachte er, die Kraft mich verfolgen zu lassen. Nun wollen wir aber sehn!

Er saugte sich künstlich voll Wut. Es dauerte noch eine Weile, bis er die Lähmung in seinen Fingern überwunden und die kraftlosen nach innen gekrümmt hatte. Die Fäuste schienen ihm aber so locker, daß er die Finger immer tiefer nach innen preßte, bis er plötzlich mit einem über Erwarten heftigen Schmerz die Nägel im Fleisch fühlte. Dann riß er die Augen weit auf. Es flimmerte, aber da stand die Gestalt. Er setzte zum Gehen an, senkte den Kopf tief gegen die Brust, setzte abermal an, hörte ein Röcheln und ging auf sie zu.

Alles an ihm raste vor ungeheurer Angst, und doch blieb ein Rest, der Rest, der ihm sagte, daß noch Kraft in ihm war, zu gehn, darauflos zu gehn, der ihn vor dem Zusammenbruch bewahrte. Dies dauerte endlos. Als er den Kopf hob, war die Gestalt so nah, daß er fast aufgeschrieen hätte, aber da sah er hinter ihr eine dunkle Wand, den Deich, und dann: daß die Gestalt sein Vater war.

Er machte noch ein paar Schritte, schluchzte, fühlte, wie er am ganzen Leibe erlosch, und während über ihm die Stimme seines Vaters begütigend sagte: Es ist genug, Georg! legte er sich, in staunender Erleichterung hinsterbend, nieder vor seine Füße.

Siebentes Kapitel: Februar

Bogner an Georg