Wir haben dann hinter dem Vorhang der Schlafzimmertür auf Renates Wiederkehr gewartet, und kaum war sie eingetreten, so höre ich einen lauten Aufschrei und dann einen Fall. Als wir hinzukamen, war sie bewußtlos, sie ist aber bald wieder zu sich gekommen und hat mich erkannt, auch ein paar Worte mit mir gesprochen, ganz klar, obschon sie nicht wußte, was mit ihr geschehen war. Dann schlief sie ein, und dann kam leider das Fieber.
Jason sagt: Weißt du was? Sie hat sich vor ihm gefürchtet und hat ihn versteckt, und dann hat sie sich gefürchtet, er könnte doch irgendwo sein, und die Gesichter von uns für seines gehalten. — Jason ist immer genügsam, also war ers auch mit dieser Erklärung, und wir Alle müssen uns zufriedengeben, bis wir vielleicht einmal mehr erfahren. Ach, mir genügts ja auch, ich hab ja genug an meiner Glückseligkeit, und je weniger ich weiß, um so mehr kann ich an ein Wunder glauben, und ist es nicht jedenfalls über alle Vernunft wunderbar? Wüßtest Du nur recht, wie sehr es mich auch wieder für Dich tröstet! Mein Glaube an Dein Heil ist noch einmal so stark geworden!
Sieh, mein Georg, es war ja so ganz ein Wunder, wie wir in der Nacht zu Dir kamen, und wie Du da saßest und schliefest! Schliefest, Georg, so tief, so schwer, — glaubst Du, daß ich es nicht gesehen habe an Deinen Atemzügen? mit der Waffe in der Hand, anstatt tot zu sein! Wenn Du das an einem Andern erlebt hättest wie ich an Dir — all die vielen Worte nachher hättest Du nicht mehr gesprochen, sondern wie ich gewußt, daß hier ein Ende war und keine Pause! Und war das kein Wunder, daß Dir der Schlaf geschenkt wurde in dem Augenblick, wo Du Dir das Leben nehmen wolltest? Den Tod nehmen, wollte ich sagen, der Ausdruck führte mich irre. Das sah ich so deutlich wie mit beiden Augen: wie Du in Deiner Müdigkeit die Hand des Todes zu fassen meintest, und wie statt seiner der Bruder sich dazwischenschob und Dir lächelnd seine Hand hinhielt. Und ich habe lange Zeit ganz allein im Zimmer gesessen und mich nicht gesorgt um Dein Erwachen, und erst nach Stunden, wie immer wieder die Andern kamen, um zu sehn, ob Du wach seist, und was Du dann tun würdest, da wurde ich freilich ängstlich durch sie und bat sie zu bleiben.
Ich hatte, als ich da in Deiner Nähe saß und Dich atmen hörte, immer ein sehr trauriges Bild vor Augen, und ich will Dir davon sagen. Nämlich damals, an Deinem letzten Geburtstag, als mir das in dem Tempel geschehen war, versuchte ich zu gehn, weil ich gehört hatte, daß Du in das Wasser stürztest, aber ich glitt auf den Stufen aus und habe dann dort gesessen und nicht gewußt, was nun kommen würde. Nach langer Zeit hörte ich dann Schritte und daß jemand bei mir stand und leise jammerte und fragte, was mir wäre. Das war jene Frau, Georg, ich weiß nicht, wie sie heißt, sie kauerte sich dann zu mir, zitterte und schluchzte, — ihr Gesicht war überschwemmt von Tränen, ach, und sie roch so nach Wein, ich dachte fast, es wäre Wein, wovon ihr Gesicht so naß war.
Das war meine dunkelste Stunde, Georg, ich dachte immer, ich müßte es Dir einmal sagen. Ich war nicht gut darin, ich habe die Andre mehr als einmal von mir gestoßen, bevor ich sie ertrug. Ich weiß nicht, warum gerade dieser Augenblick in meinen Gedanken war, als Du saßest und schliefst; es ist ja auch gleich, und nun habe ich es gesagt.
Ein Wunder, heißt es, würde mit den Gesetzen der Natur in Widerspruch stehn, das wäre sein Wesen und eben deshalb könne es nicht geschehn. Und das Wunderbare, Georg, steht es nicht mit den Gesetzen der Vernunft im tiefsten Widerspruch, wenn auch nicht mit der Natur, und wäre es wunderbar, wenn es sich gleich einfügen wollte? wenn es nicht selber sein Gesetz gäbe und uns nötigte, uns ihm zu fügen?
Nun lebe wohl, lieber Georg, ich hoffe, recht bald, eine gute Nachricht von Dir in Händen zu haben, und küsse Dich als Deine alte
Anna
Georg an Magda
Hallig Hooge, am 20. II.