Anna!
Du hast sie wieder! Ja, welch ein Glück für Dich und für sie, das mitzuempfinden ich mich nach Kräften bemühe. Zwar habe ich keine Ahnung, was für ein „Elch-in-Atomen“ das sein mag, der in Deinem Brief umgeht und auch die arme Renate so entsetzte, aber was liegt daran? Ich hoffe vor allem, daß auch die Krankheit, von der Du schreibst, sich als so ungefährlich erweise, wie der Arzt versprach, und dazu, daß der erweckerische Jason so gut das Richtige getroffen habe, wie jener Christus mit dem Lazarus.
Was Du mir von Dir geschrieben hast, nahm ich in mein Herz auf. Danken kann ich Dir nicht dafür, aber ich kann Dir nun etwas von mir schreiben — nichts aus neuer Zeit! —, das mir lange Zeit für zu heilig galt, um es selber mit Dir teilen zu können, — allein wer weiß? es giebt mehr solche Dinge, die man in Heiligkeit hüllt — als Vorwand, um sie für sich allein zu behalten.
In jener Nacht, als Du schlafen gegangen warst, beruhigt, wie ich nun wohl glauben darf, durch andres als durch meine Versicherung, daß „alles eingereiht“ sei, denn sie war mir leider nicht Ernst, — in jener Nacht war ich noch jenseit des Deiches, an der See. Was ich dort wollte, kannst Du Dir denken. Auch dieses Mal wurde ich verhindert. Von wem? Von meinem Vater.
Es hat überlange gedauert, bis ich ihn erkannte, und was er gewollt hat, wurde mir erst manchen Tag später klar. Ich hielt ihn für den Dränger, für jenes Gespenst, das hier umgehn soll und die Menschen in die See drängen, und grausige Minuten lang glaubte ich mich von ihm verfolgt. Am Ende ging ich doch auf ihn zu, mit meiner äußersten Kraft, und als ich dann sah, wer es war, der vor mir stand, und seine Stimme vernahm: Es ist genug! — da, Magda, da erst bin ich gestorben.
Ich erinnerte mich später deutlich, vor langer Zeit einmal geträumt zu haben, ich stürbe. Es war ein weiches Stürzen ins Bodenlose, aber während alles an mir sich auflöste und ich, noch in tausend Ängsten, wußte, daß ich starb, überwehte mich schon eine linde Verwunderung, mit der ich dachte: so leicht ist es? — Und nicht anders war es jetzt, als ich zu seinen Füßen erlosch.
Als ich wieder zu mir kam — das kann ich Dir noch sagen —, sah ich, daß ich im ganzen keine zweihundert Meter weit bei meiner Flucht gekommen war, denn ich hatte von der Treppe aus noch nicht die nächste Buhne erreicht. Es gab noch viel Seltsames, von dem ich schreiben könnte — wie ich mich auf den Namen Waldemar Montanus besinnen wollte und es um keinen Preis konnte, (mir fiel später die Geschichte vom Bruder Ali Babas ein, in der ich als Junge nie begriff, wie er das einfache Wort Sesam vergessen konnte) — aber wir wollen dies gut sein lassen; nur eins wollte ich Dir noch sagen, was mir erst Tage später deutlich ward.
Wo nämlich hätte der Dränger erscheinen müssen, Anna, wenn er einen Menschen in die See drängen wollte? Doch wohl in der Nähe des Deiches, nicht wahr? Dieser aber, der mir erschien, stand am Wasser, auf das ich zuging, und er erwartete mich; um mich nicht hineinzulassen! Es ergreift mich heute nichts mehr so, wie das, daß ich, als ich zum Wasser ging, nicht einmal wußte, ob ich wirklich hineingehn würde, — er aber besorgt war auf alle Fälle und mir den Weg verlegte. Dann folgte er mir, und ich floh, und da merkte er wohl, daß ich durchaus nicht ins Wasser ging, sondern daran her, und nun wollte er sich zu erkennen geben und verstellte mir die Richtung zum Deich. Ach, nun ist alles begreiflich und klar, und nur dies, daß ich, der noch Stunden zuvor entschlossen zum Tode war, nicht mehr daran dachte, nein, mit keinem fernsten Gedanken mehr daran dachte, als ich in die See getrieben zu werden glaubte, — das erscheint mir noch einigermaßen sonderbar, obwohl die Sache vermutlich so liegen wird, daß ich mich freilich nicht vor der See fürchtete, sondern — vor dem Grauen, und daß dieses alles mir verkehrte, — als worin wiederum eine kleine Erkenntnis enthalten ist, indem ich mich früher stets gewundert habe, wenn ich las oder hörte, daß bei einer Feuersbrunst jemand aus Angst durch das Fenster gesprungen sei, aus Furcht vor dem Tod in den Tod, denn auch solch einer springt nicht aus Todesfurcht, sondern bloß aus Grauen, das ihn verkehrte und Wege sehn ließ, wo keine waren.
Siehst Du wohl die feine Klugheit, die rechteckigen Gedanken in dem Vorstehenden, kleine Anna, siehst Du sie gut und bist höchlich zufrieden und denkst: er ist gänzlich der Alte?
Im Übrigen ist zu sagen, daß ich bereits an mancherlei wieder Gewöhnung gefunden habe, zum Beispiel an gebackener Flunder. Ferner begann ich zu arbeiten, habe mir staatswissenschaftliche Bücher kommen lassen, auch Geschichte (Notabene, wie steht es mit der amerikanischen von Saint-Georges? erscheint sie oder nicht?), ich lese mit dem Hauptmann französisch den kunstvollsten und dürrsten Roman der Welt, Flauberts Education sentimentale; und arbeite am Abend mit ihm den Zweifrontenkrieg aus, denn er ist eine strategische Leuchte und giebt an, es daure nicht so lange, bis Rußland und Frankreich und vielleicht noch sieben Völker über uns herfallen (im Ernst, Anna, es giebt sonst vernünftige Menschen, die sowas glauben!). Schließlich versuche ich, die Schriften, die mir täglich von Birnbaum vorgelegt werden, nicht nur zu unterzeichnen, sondern auch zu lesen und, was mehr, zu verstehn. Kurzum: ich bin am Leben.