Siehst Du, Anna, Du bist zufrieden mit so etwas! Ein Kind wird geboren, und wenn es nur lebt, ist die Mutter schon froh, gleichviel zu welcher Alraune an Häßlichkeit und Bosheit es sich auswachsen mag. Ach, ihr Mütter, ihr Mütter! Wege finden sich immer, meint ihr, und: kommt Zeit kommt Rat, wie all die Sprüche heißen, aber: wenn nun bloß ein Weg ist?

Du weißt den Weg, Anna, und — ich kann ihn nicht gehn. Und dies ist das Elend, daß, wenn ich denke, ich kann es vielleicht doch, ich es schon aus Gewohnheit denke und nicht aus Willen, und es einmal aus Gewohnheit tun werde und nicht aus Kraft.

Siehe den Fluch der Gewohnheit: Du schreibst von Wundern, vom Wunderbaren immerhin, und selbst dieses, wie sehr bildete es sich in Dir, wie sehr warst Du selber der Wundertäter! Ich, Anna, ich sah das Wunder leibhaft, mit meinen Augen, sah meinen toten Vater wiederkehren um meinethalb, und schon als ich hinterdrein erwachte, riet mir eine sogenannte Stimme, es nicht anzuerkennen. Ich erkenne es an, ich halte daran fest, aber — es ist so: es muß uns immer alles wahrscheinlich sein und berechenbar. Wir versagen, so wie wir nicht mehr messen können. Wir sind die vollkommenen Narren, als welche das Wunder immer ersehnen, und in der Not ihrer Sehnsucht das Wunder selbst zum Maß aller Dinge machen und sie gewöhnlich, alltäglich und minder heißen. Und kommt das Wunder mit seinem eigenen Maß, wie Du sagst, so sehen wir uns zu nichts genötigt, als in möglichster Hurtigkeit ein andres Maß zu ergreifen, und so ertappen wir jetzt das Gewöhnliche, das Natürliche. Nun ging längst alles wieder in mich ein, und ich glaube zu fühlen, wie die Erscheinung des Toten, aus meiner Todesnot entsprungen, meiner eigenen Brust entstiegen vor mich hintrat. Wie sollte da mein Einschlafen mit der Pistole mir genügen, das mir freilich ein Zeichen hätte sein sollen, daß mir der Tod nicht bestimmt war? Noch glaube ich, Anna, an das erste Wunder, aber schon arbeitet dieses zweite an seiner Wurzel, es umzuhacken, und mit Stricken von oben am himmlischen Wipfel zerrt die uralte Riesin: Gewohnheit ...

Ach, und warum dies alles? Es liegt am Blut. Es war immer kalt, oder es ist nun so kalt geworden, daß es nicht wieder erwarmen kann. Mir scheint, es ist Februar. Das ist der schlimmste Monat, der, wo alles schon möchte, und wo alles noch eingefroren ist. Umsonst, kleine Sonnenseele, umsonst!

Genug! Du hast Deinen Willen: ich lebe. Gebe Dir Gott dazu, daß ich Dir einmal so dankbar dafür sein kann, wie Du es — nach üblicher Rechnung — verdienst. Wie immer Dein

Georg

Achtes Kapitel: März

Aus Renates Gedächtnisbuch

Anfang März

Geliebter Himmel, blasser,