Immer liegt mir der See vor der Seele, ich schau drüberhin, ich muß immer sehen und sehn, nichts verändert sich, und ich merke endlich, daß ich immer auf den einen schwarzen Flecken im weißen Baum starre, wo der Vogel abflog. Der kleine Kalender sagt, es ist März, im Garten ist ein grüner Busch mehr, aber der Rasen blieb wie zuerst, ich ging einmal schnell drüberhin, dann dacht ich: Ach, keine Krokus werden da mehr stehn, — wo du gegangen bist. Das ist mir im Sinn geblieben, es klingt wie ein Stück Lied, so ein aufgetautes Stück.

Da stand ich vor der Orgel. Kühl war sie und fremd. Ich wagte keine Taste zu berühren. Sie war so kalt, als hätte sie in einem Haus aus Schnee gestanden. Einmal vor Jahren träumte mir, daß ich spielte; lebendiges Wasser rauschte unter meinen Füßen hervor, da tönte die Orgel, vox humana sang mit der Stimme der Amsel. Eingefroren, eingefroren, oh ihr Wasser des Lebens, ich töne nicht mehr!

am 13.

War denn dir so weiß alles vor Augen, Lazarus, armer, als dich das ewige Lächeln aufgetaut hatte aus dem Frost? Aber vor dir stand Einer, der wußte, was gut ist, auf seiner Schulter saß die schwarze Amsel und sang, Primeln fielen aus seiner erwärmten Hand; als er gegangen war, sah man da Kissen von Veilchen, wo seine Füße standen.

Die Tage kommen, die Tage gehn. Ich glaube manchmal, ich muß sterben, ehe der Tag herum ist, ehe das Dunkel kommt und endlich die Stunde des Schlafs. Wie lange muß ich dann noch liegen, immer fröstelnd in den Decken; die blauweißen Falten des Betthimmels über mir fließen herunter, bleich in der Dämmerung, wie aus Eis, in der lautlosen Luft rieselt das Eisige, langsam gefriert alles, ich suche, ich suche, und alles ist leer ...

am 14.

Und du, Freund der Sonne, Gesegneter von Strahlenhand, ach, einmal auch mein Freund, du siehst über mich hinweg, auch du bist mir zu Schnee geworden. Sie haben dich mir wieder gegeben, hätten sie’s lieber nicht getan!

Der Garten, das weiß ich nun wieder, war nicht der Garten, sondern die Lichtung der Insel. Immer wieder zog es mich dorthin, Grauen zog mich hin, ich erschrak, wie sie sich veränderte, wie sie zerfiel, wie die Blätter herunterwirbelten, ich glaube, ich muß sie immer aufgerafft haben und mit den Händen hochgehalten, oder träumt ich das nur, daß ich immerfort herumjagte und die Blätter schalt und aufraffte und in die Luft warf? Aber es nützte ja nichts, und dann waren eines Tages die Bäume leer. Oh, und diese Angst, unaufhörlich in der Brust! Meist vergaß ich ja alles, nur die Angst war da; plötzlich dann fiel mir das Gesicht ein, alle meine Angst galt dem Gesicht, das erscheinen könnte, im Gezweige, im Zwielicht, ich glaube, besonders in der Dämmerung abends muß es am schlimmsten gewesen sein. Ach, die grenzenlose Süßigkeit des ersten Erschreckens damals auf der wirklichen Insel hatte sich mir in unseliges Grausen verkehrt, und nun drohte das weiße Gesicht von überall, und immer atmete ich auf, es nicht zu sehn, und immer befürchtete ich es wieder. Es waren wohl die Gesichter der Andern, die immer wieder entsetzensvoll gegen mich vorbrachen, und ich schrie und wußte nicht wohin laufen vor Angst.

Ich vermißte einen Brief in diesen Tagen, Magda gab ihn mir ängstlich, ich las ihn, er sagte mir nichts. Er galt nicht mehr mir. Seltsam nur: als ich am Ende war, sah ich mich selber aufstehn, den Ech-en-Aton vom Sockel nehmen, eine Weile dann nicht wissen wohin mit ihm, sondern nur, daß er fort mußte, um jeden Preis fort, daß er sonst aus meiner Hand fallen und grauenvoll zerscherben würde. Dann war ich auf einmal im Schlafzimmer, vor einem Schrank, und stellte ihn blindlings hinein. Ein Schmerz zerriß mich blendend von oben bis unten, noch einmal in der Erinnerung.

Das also, das muß ich damals getan haben, als ich jenen Brief zum ersten Mal las.