Nachmittags aufwachen im Sofa, so leicht nun, gleich so klar, und im Fenster ein Holdes sehn, unbekannt was, alles so hell, kühl, und es summt nur noch immer im Kopf, und Geräusche sind so fern! Ach, das ist ja das süße Leben, immer wieder, immer wieder! — Dann aufstehn, geheim, als wärs noch verboten, die Beine sind freilich schwer, aber — sich langsam aufrichten, und nun dastehn, es zittert in den Knieen, aber man steht, und nun — sich langsam um den Tisch herumschieben, ach, und schon ist die ganze Welt verwandelt, es schwindelt, weil man nur steht. Horch, wie still es ist! In einem fremden Haus tief unten geht eine Tür. Das ist schön, wie die Tür geht. Und immer steht man, zum Fenster gewandt, die Hände auf den Tisch gestützt, im Fenster ists leer und klar, wie ist alles unbekannt! Die Bücher auf dem Tisch, die kleine rote Schale auf der Decke, die Decke selber, der Tisch, lauter harte, deutliche, glänzende Dinge, sind alle ganz neu wie Geschenke, und auf einmal mußt du an dir heruntersehn, du bist ja ganz weiß, du trägst ja ein ganz weißes Kleid, es ist so leicht wie eine Wolke, die Falten bewegen sich geheimnisvoll ganz von selbst, es duftet aus ihm, es knistert und bebt, und all das heißt: die Gesundheit. Es liest sich wie eine Überschrift im Lesebuch. Endlich mußt du ans Fenster, du bist wie ein kleines Kind, zum Fenster ists elend weit, aber du bist schon kühn, wenn man nur will, gehts, und auf einmal, mit drei kleinen Schritten bist du hurtig hinüber, und da knickst du auf den Stuhl, sagst: Ach Gott! — Nun ists aus, du bist ganz matt, du hast genug vom Leben für heut.

Freitag

Freitag, heut ist Freitag. Freitag — Dreitag — drei Tage sitzt du nun schon am Fenster und kannst schreiben. Oh mein Gott, daß nur das Leben, das nackte Leben so süß sein kann! Da steht eine Hyazinthe im Fenster, eine große, hellblaue Hyazinthe, in einem Topf mit moosgrüner Manschette, die ist schön anzufassen, so rauh. Die Hyazinthe dagegen ist glatt, sie ist ganz wie aus einem dicken, hellblauen Duft gemacht, so einen Stoff giebt es sonst nicht, vielleicht Reif, so dicker blauer Reif an Trauben und Pflaumen, mit Frühjahrhimmel gemischt und etwas weißer Wolke, und ganz wenig Schnee, und etwas Narzisse, und all das steht ganz zart und steif und nackend da, macht die Luft süß um sich her und ist ein großer Trost.

Draußen, da ist noch gar nichts, ein Garten, ganz kahl, schwarze Bäume, ein einziger grüner Busch ganz unten, der Rasen ist gelbgrau wie ein Fell, da steht eine Kapelle sehr sichtbar mit hohen Fenstern. Aber oben, da ist schon der Frühling, da sind ganz stillhaltende Wolken zum Anschaun wie auf Bildern, weiße, überall beschattet, dahinter ist eine blaue Leere, weich, kühl — und doch warm, in der es rieselt und sich wandelt unmerklich und vergeht. Plötzlich wird dir warm in einem ganz hellen Schein, es blendet, es überläuft dich was, dir zieht das Herz sich zusammen — —

am 7. März

Was ist mir denn?

Schrieb ich denn wirklich selber das, was ich heute lesen muß vom süßen Leben? Kann denn eine einzige Nacht einen Menschen so verwandeln? Als seien meine Augen hart geworden, und alle Dinge stehn wie in einem Spiegel ohne Luft. Ach nein, verwandelt hat mich die Nacht nicht, es stieg nur nach oben, was erst in dieser Nacht fertig wurde, der Baum von Eis in meiner Brust, und da steht er nun, und seine Zweige klirren mir am Herzen, und es ist ganz lautlos dabei.

Kalt, oh wie kalt ist der Tag und ist mir! Wohin geriet ich denn nur? In welches Leben? Ich weiß, ich träumte von Einem diese Nacht, für den ich keinen rechten Namen mehr habe. Weiß nicht mehr, was es war, es war kalt. Mir stachs eine eisige Nadel durch die Brust, und alles rollte sich zusammen und erstarrte. Da sitz ich nun, die Feder bewegt sich leicht übers kühle und weiße Papier, Schneefeld, Schneefeld! Wenn ich durchs Fenster schaue, seh ich es rieseln in der kalten grauen Luft, die schwarzen Zweige starren, Tropfen blinken am Glase, hier innen leb ich. Warum? Wozu? Was soll hieraus werden?

am 12.

Ich schrieb nichts auf in diesen Tagen, obgleich sie so lang waren wie die meilenlangen Winterseen, bläulich in der unendlichen Weiße, aufgehend in weißlichem Dampf unter dem dunkelgrauen Himmel, und in der maßlosen Stille klingt nur einmal ein heiserer Schrei, etwas Schwarzes steigt aus weißem Uferbaum, schwer im Flug wie ein langsamer Dämon streicht es seeüber, und von den Ästen, wo es abflog, fallen locker die weißen, leichten, eiskalten Kissen.