Nicht umsonst von den Alten als Gottheit verehrt: es ist wahrlich etwas Göttliches um den Schlaf des Menschen, um den Schlaf einer Seele, — das weiß ich und darf es sagen, der ich auf der Jagd nach diesem flüchtigsten aller Götter ihn verfolgt habe bis hinunter an das schwarze Tor, hinter dem es braust von den Schatten. Wahrhaftig, es war nicht unheroisch, zu schlafen in jener Stunde, da ich die Jagd aufgab und er nun stillschweigend aus den Stämmen hervortrat und die ermüdete Hand ergriff. Wie wenn es geheißen hätte in einem arkadischen Dorf: ein Gott sitzt an der Straße vor dem Tor, er wollte vorüber, da ergriff ihn die Müdigkeit, nun sitzt er im Schlummer dort ganz wie ein schlafender Mensch, und man kann ihn sehn. Und nun eilen sie in den glühenden Mittag hinaus und versammeln sich um jenen und staunen an seinem Schlaf. — So war auch Euch jene Stunde heilig, meine Anna, und gewiß: wenn es einer Sache nicht bedurfte hinterdrein, so waren es all unsre Worte.

Es bedurfte der Worte nicht! Denn nie hat es der Worte bedurft zu nachträglicher Deutung; Wissen ist schweigend, aber es ist mein Fluch, daß ich ihrer niemals entraten konnte. Was ich auch erlebte: nicht eher wurde es mir haltbar, ehe es mir denkbar erschien. Dies aber ist Gnade der Dichter: ein Stummes zu geben wie die Blume, deren Sprache der Duft ist, zu reden und dennoch zu schweigen, aus dem menschlichsten Stoff, aus der Sprache, die göttliche Form zu bilden, und doch nicht einen Hauch ihr zu mindern von ihrem Duft. Ich bin kein Dichter, aber immer möchte ich dies auch, und meine Worte sind nur Fallen und Schlingen, in denen vielleicht Unsterbliches hängt, — halb erwürgt. Gut und heilig jene Stunde des Schlafs, aber ungut und unheilig darüber jedes Wort; ungut und unheilig, da nur das Schweigen gilt und Ehrfurcht vor der großen Erscheinung, ungut und unheilig die Deinen, Anna, in denen Du mirs erklärtest, und hier die meinen, in denen ich mich zu Ende erklärte.

Mir wäre weit besser, ich läge da tot. Wenn ich auch als ein dreifach Umstrickter gestorben wäre, so war es doch eine königliche Verstrickung geworden, und es wäre nicht kleinlich gewesen, den beiden großen Pythons, Schuld und Tod, zu erliegen. Die sind nun auch klein geworden, sehn der gemeinen Ringelnatter ganz ähnlich, und andre von gleicher Statur gesellten sich zu: Schwäche, Arglist, die sagt: Hoheit sollten es versuchen ... und Feigheit, die überreden will, es käme am Ende doch nur aufs Leben an, und auf einen Thron brauchte sich keiner zu setzen, der nicht wolle.

Klarheit, o himmlische Klarheit, warum niemals zu mir? Erkenntnisse hat mich auch Bogner viele gelehrt, so viel, daß, wenn es Pfähle wären, ein ganzes Venedig sich drauf bauen ließe. Damals, als der kranke Heros neben mir saß, da glühte sein Herz in meinem Blut, und was ich erkannte, das war mir auch Leben. Längst wieder leblos und eisig geworden, klirre ich mit den schönen Erkenntnissen herum wie mit nutzlosen Prunkstücken, als sei damals Festtag gewesen und Alltag heut, und wann unterschiede sich Alltag und Festtag im Leben der Seele?

Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, von denen mir Hülfe kommt, — ach Anna, bist Du denn dort drüben? Ich denke viel an Dich, ich sehe Dich dann immer vor mir sitzen wie damals, als ich erwachte, und jenes Glück und die Zauber des schönen Erwachens atmen mich sanft wieder an.

Aber ich will nicht sein, hörst Du, ich will, ich will, ich will nicht wieder sein — nach diesem! —, der ich zuvor war, nur reicher um diese Erfahrung, daß am Ende alles tragbar ist. Als hätt ich ein Tier erlegt und seine Haut angetan, und täglich wird sie dünner vom Tragen. Ach, daß kein Hirsch je zu königlich war, man macht einen Jagdrock aus seinem Fell und drechselt Knöpfe aus dem heroischen Gehörn. Ich will das nicht, Anna, und diese Verstricktheit muß einmal zerreißen, oder ich zerreiße denn mich.

Georg

Der Brief blieb liegen, von Rechts wegen; die drohend herausgeballte Faust am Ende wäre Dir unleidlich zu sehn gewesen. Tage sind wieder vergangen, die kalte Verdrossenheit, die mich schon hatte, als ich noch schrieb, hielt seitdem an. Nimm ihn, er ist Dein Eigentum, leg ihn zum Übrigen, Du gute Geduld! Ich bin seit gestern entschlossen abzureisen und wäre schon davon, wenn ich nicht halb betäubt wäre von einer wilden Erkältung, die in meinem Kopf alle Ein- und Ausgänge verstopfte. So bleibt mir unklar, ob ich gleich nach Altenrepen fahre, oder erst — mit Deiner Erlaubnis — nach Helenenruh. Mein Fernbleiben von den Regierungsgeschäften ist nunmehr nicht zu entschuldigen, da ich leidlich leistungsfähig bin. Ich habe mir den Vollbart abgeschnitten, nur die Armeebürste auf der Oberlippe sitzen lassen, die beiläufig dunkelrot ist, und kann nun ganz gut für einen Prinzen oder angehenden Herzog gelten. Vor Altenrepen hält mich eine letzte Feigheit zurück; ich überlege ...

am Abend

Der Brief sollte mit dem Kurier zurückgehn, da bringt er mir ein Telegramm von Tante Henriette mit der Nachricht vom Tode ihres Mannes. „Recht bekümmert“ nennt sie sich darin, und so stelle ich sie mir vor. Ich fahre also morgen mit der Frühflut und denke am Nachmittag in Berlin zu sein. Das paßt mir als Übergang und Pause vor dem endgültigen Schritt.