Dank übrigens für Deinen Gruß durch die Cornelia! Sie besuchte mich hier, Du wirst von ihr gehört haben, daß sie sich wieder mit ihrem ehemaligen Verlobten zusammenzutun gedenkt, wenn der vier Wochen Nervenheilanstalt hinter sich hat. Ein entzückender Gedanke! Und so echt weiblich! Denn: wie herrlich sinnlos kann man sich da zum Opfer bringen! —

Wenn ich noch einmal über die letzten Wochen hinblicke, so sehe ich, daß ich in einer völligen Hoffnungslosigkeit lebe. Hoffnungslos mir selbst, da, wie ich schon sagte, nur um eine Erfahrung reicher; hoffnungslos für alles Tun und Lassen, was in diesen Erdreichen geschieht. Was aus diesem Stumpf etwa zu entwickeln sein mag, wissen die Götter.

Immerhin auf baldiges Wiedersehn!

Aus den Papieren Georgs

In Berlin, 20. März

Um Mitternacht schlug ich das Fenster auf, vielleicht daß der Schlaf draußen stünde, der mich wiederum mied. (Aber möglich, daß es hier ein andrer Schlaf ist, der Schlaf der großen Städte, für den ich noch die magische Formel nicht fand.) Rechts oben in der Höhe, hinter einem marmornen Gewirk von Wolkenweiß und mattem Blau, war der abnehmende Mond zu sehn, gerade über der Spitze des kleinen Matthäikirchturms, dessen Schattenriß schwarz und altertümlich inmitten des Platzes stand. Ein dumpfes Brausen, nicht das nahe der See, entfernt: die schlaflose Geschäftigkeit des Labyrinths. Da erschien mir am Himmel oben mein letzter Augenblick auf Hallig Hooge.

Schon wartete das Boot, ich hatte über den eilfertigen Vorbereitungen der Abreise den Abschied vergessen und ging jetzt noch einmal zu Ulrikas Grab. Der einsame weiße Stein mit ihrem Namen im graugelben Vorjahrgras glänzte spärlich in einem eben hervorbrechenden, sehr kühlen Morgenlicht, das meine Augen nach oben lenkte, obwohl es meinen Schatten vor mich über den Stein legte, denn ich stand mit den Augen zur See. Seltsam war der Himmel. Das ganze gewaltige Halbrund der Kuppel, in der ich stand, war in der Höhe reinblau, gedämpftes Morgenblau, aber rundum auf den Rand, bis zu Haushöhe schiens, war eine Lagerung von sechs, sieben Stufen weißer Quadern mit Fugen geädert von Blau. Die See darunter war dunkel, in kleinen Wellen kräftig bewegt; breitere Wogen zu meinen Füßen zerschellten zu reinweißem Schaum, laut brausend mit einzeln vernehmlichen Stimmen, und der Wind strich sausend herauf. Wunderbar aber waren diese, ringsum zum Kreise geschlossenen Terrassen von Wolken zu sehn; jeden Augenblick war mirs, als müßte ich Gestalten des Äthers auf sie hinaustreten sehn, leise farbig und glänzend aus der kühlblauen Wand, allein sie blieben immer leer, und nur, als ich mich suchend endlich umwandte, blendete mich die Morgensonne, die, den obersten Rand des Wolkengemäuers im Osten zerbrechend und schmelzend, goldene Hörner und Stäbe durch die Fugen nach unten zwängte, und dort glitzerte silbrig die See.

Ganz plötzlich, mit einem Zucken, fühlte ich den Frühling. Die Mulde unter meinen Füßen schien mir grüner, als sie nach der Jahreszeit sein konnte; rechts unten glänzte das Fachwerk weiß und blau, fern drüben das tiefe Rot an Cornelias Haus, grad gegenüber mir, in der Lücke des Deiches, lag das Boot schneeweiß unter Segel, wo Cornelias grüne Jacke leuchtete; links auf meiner Höhe stand mein alter Turm in dem Licht. Mich fröstelte im Wind, aber meine Sinne sogen Frühling aus den Farben des Toten, hier, wo das Jahr durch kaum eine blumige Farbe erscheint. Die zarte Neuigkeit spürt ich, unsichtbar aufgesprossen im Gras überall, eine Regung, einen Atemzug aus dem Innern. So sehr vergaß ich mich selber über diesem, daß ich den Deich hinabstieg und fortging, ohne der Toten zu gedenken.

Als ich dann im Boot saß, das grüne Eiland vor mir im Entgleiten sich langsam erhob und erhöht im dunklen Rollen der Wasser ruhte, erschien mirs auf einmal wie eine riesige Schildkröte. Auf ihren gewölbten Rücken hatten ich und die Andern uns gerettet, nackt in unserm Leben, Schiffbrüchige aus einem Sturm, wie ichs als Knabe in jenen Büchern des Behagens las. Monatelang hatten wir dort gehaust, so gut sichs eben hausen ließ, Gestrandete: einer starb, einer baute ein Floß und warf sich mit ihm in die See, nun schieden die Letzten. In diesem Augenblick glaubte ich zu sehn, wie das bislang geduldig still gelegene Tier sich erleichtert bewegte und — ich sahs von mir abgewandt liegen nach der offenen See hinaus — den Kopf hob und drehte, um nach mir zu sehn.

Da erinnerte mich der noch ragende Turm des Grabes in seiner Nähe, und erschreckend befiel mich die Verlassenheit der Toten, die dorten verblieben war, allein mit zwei Geräuschen, jenem des ewig sausenden Windes und jenem der wogenden See. Ein unendlicher Schmerz ergriff mich auf einmal, ich hätte dort liegen können wie sie, aber mir hätte es keinen Schaden getan. Sie war hülflos und zart, nun versank vor meinen Augen die Insel, ich konnte mir leicht einbilden, das riesige Tier fortrudern zu sehn und hinuntertauchen in die Dämmerungen der schweigsamen Tiefe. Die verarmte Tote! sie blieb allein, unbekannt den brüllenden Völkern des Meers, aus denen bald einer heraufsteigen würde zum verlassenen Eiland, dort zu sitzen in seiner schwermütigen Natur und ins dumpfe Muschelhorn zu stoßen. Die Sonne stieg höher herauf, den Schatten meines Segels legte sie auf die glänzenden Hügel des Wassers, aber mir ging aus dem Odem der windigen Kälte die schwere, die sternlose Herbstnacht auf über dem Eiland, und die abgeschiedene Seele erstand schattig und dürftig auf dem Kranze des Deichs, leise klagend um ein Ungebornes und um den Undank des Daseins für vieles reine Bemühn. — —