Webe mir denn ein starkes Kleid, blindäugige Mutter, Hoffnungslosigkeit, armlos den Webstuhl tretend mit ehernen Füßen, an dem die Fäden von selber fließen aus dem Unsichtbaren der ewigen Nacht. So läuft einmal alles hinaus auf ein Dürftiges: Haltbarkeit.

Ich erinnere mich: auf einem Ritt durch die Ebene um Helenenruh sah ich auf einer Wiese eine uralte, magre braune Stute, die beim Nahen des Wallachs sofort die Ohren hochstellte und herangejagt kam bis an das Gatter, das sie von uns trennte, und an dessen andrer Seite sie mit uns trabte bis an sein Ende, wo sie noch lange stand und uns nachsah, das heißt meinem Pferde, das kein Ohr und nicht den Kopf ihretwegen bewegte. In ihrem langen Halse war ein Loch, in dem bei jedem ihrer Atemzüge die Spitze eines Rohres zum Vorschein kam, und sie atmete laut rasselnd und schnaufend. Vielleicht daß diese haltbare Alte mich damals an Tante Henriette erinnerte, und deshalb erschien sie mir nun.

So wird auch der Seele, wenn der natürliche Eingang des Lebens versagt, ein neuer gebohrt, und der ganze Unterschied besteht in den lauteren Atemzügen. Besonders leise wird mein Leben ja fortan nicht mehr sein, und keiner wird, und ich selber kaum, die rasselnde Seele hören, die sich haltbar erweist.

am 22.

Soll ich aufschreiben, was heut sich begab? Wird dieses nun, dieses die Kraft beweisen, die ich in ihm zu erkennen glaubte, und die bei ihm Unsterblichkeit heißt, oder wird es mir schon unter den Fingern zur Haltbarkeit von blauer Tinte zerrinnen? Gott helfe mir, ich will es versuchen.

Gleichviel, wie ich, noch einmal mit mir allein, in den Tiergarten geriet und, wieder in plötzlicher Erinnerung an Hallig Hooge, zwischen den kaum ergrünten Büschen hindurch, wo erste Amseln über den Rasen schlüpften und erste warme Erleichterungen durch die alte Kühle der Lüfte zogen, in die Stadt gelangte, durch das Tor, die Linden hinunter und weiter gedankenlos auf der linken Straßenseite bis zur Charlottenstraße, wo eine eben anfahrende und haltende Elektrische Bahn mich zum Stehenbleiben nötigte. Ich sah zu, wie eine Dame sehr mühselig ausstieg, oben vom Schaffner, unten von einem Herrn gestützt, und in ihm erkannte ich langsam Hardenberg. Die Dame war seine Frau; ich sprach sie an, sie kamen aus dem Norden, wo sie sich um das Fortkommen irgendwelcher Kinder ohne oder mit verderbten Eltern bemühten, von denen die Frau gleich mit ihrer strudelnden Lebendigkeit und so erregt zu erzählen begann, daß ihr Mann und ich beim Gehen alle Mühe hatten, sie zwischen uns zu halten, dermaßen riß sie an uns mit ihren unbeherrschten Bewegungen. Da sie mir sagten, sie seien im Begriff, einen Freund zu besuchen, den ich sofort kennen lernen müßte, wenn er mir noch fremd sei, so schloß ich mich ihnen an; sie machten nur eine Anspielung auf die ägyptische Abteilung des neuen Museums.

Schwer zu glauben: vor einem Jahr war ich dort und sah nichts. Woher plötzlich die Augen? Gute Anna, kein Wunder könnte mir je wunderbarer erscheinen, als was ich nun sah. Ein Ding von dieser Wunderart hätte genügt, und ich sah hundert, sah Flure und Säle gefüllt mit Unglaublichkeit. Das ist Ägypten: ein würfelförmiger Block aus Granit, bedeckt mit Hieroglyphen; mitten in der Oberseite des Blockes der Kopf eines Kindes. Dahinter der größere Kopf des in dem Würfel hockenden Mannes, ein schlichtes Antlitz mit leider zertrümmerter Nase, das Haar, in strenge Linien gepreßt, links und rechts von dem Haupte in festen Massen niedergestrichen und, unterhalb wagerecht abgeschnitten, solchermaßen auf die Oberfläche des Würfels gestellt. In der ungeheuren Starre des Granit aber bewegen sich die hochgestellten Knie und die darum geschlungenen Arme des Mannes, zwischen denen das Kind steht, lebendig in sichtbaren Wellen des Lebens; ganz deutlich und klar ist da alles im Stein, Füße und Knöchel, Schienbeine und Knie, Ellenbogen und Arme und Hände und darinnen das leibliche Kind.

Alles, was ich sah, war unfaßlich. Das Antlitz des ewig geheimnisvollen Wesens Form sah mich hier so schleierlos und so mit großem Auge an, daß es schien, als sei kein Geheimnis mehr da. Hier ist alles unbekannt, und nur am sonst unverständlichen Schmerz ließ sich spüren, daß Bekanntheit sein sollte und einmal war, was für immer versunken schien. Tiefen sind hier, Räume, ein Wesen mit einem Wort, dessen äußerste Grenze uns immer unauffindbar sein wird. Denn was wir sehen, ist das für uns Sichtbare, was uns Ordnung scheint, unser Gesetz, aber nicht das seine, das aus einer anderen Wirklichkeit kam. Auf keinem Stern könntest du dich umsehn und dich so tief im Unbekannten finden und doch in der Wahrheit. Und wenn hier ein Wunder sein sollte, so wäre es dies, daß du doch atmen kannst in dieser Luft, dieser Welt.

Ich mußte mich umsehn, woher ich kam, und fand, daß ich ja aus Hellas hierher geriet. Plötzlich war mirs da, als ob eine seltsame Sonne schiene mitten in der gestirnten Nacht. Oh in Hellas war alles Blut und Odem, Sonne und Wind, Ströme und Wald und das Meer, Gottheit und Getier, ein Himmel voller Gestalt von Fischen und Männern, tausendfach gestaltige Natur, überall Blick und Wink und Gebärde. Das Lächelnde war dort und das Schöne, die Leier, die singende Lippe, der schwebende Fuß und das fliegende Haar. Da erschien mir das hellenische Bildwerk, aufgestellt mit tausend seinesgleichen um eine Mitte, von der ein Strahl ging zu jedem, aber ihrer aller Mitte lag außerhalb ihrer selbst, und sie alle, geordnet zusammen ergaben die Welt. Und ich sah das Menschliche in ihnen, aufleuchtend in seiner ganzen, höchsten Erfülltheit. Solange aber Menschliches waltet, solange ist Willen und Verlangen, Streben, Bewegung, Wandlung; Wandlung zum Gotte hinauf und Wandlung des Gottes herab, lauter schweifende Seligkeit, Schweben, Heiterkeit, Anmut, Würde, tausend Eigenschaften des Göttlichen in einer blühenden Zerstreutheit, und alles überglänzend und bindend der Segen, das ewige Auge. Jetzt aber, wie erschien mir in der Erinnerung auf einmal ein niegesehener, immer gefühlter Zug von Schwermut in der griechischen Form? Diese schönen Dinge scheinen zu wissen: irgend etwas fehlt, irgend etwas in ihrer Ordnung blieb ungelöst, sie ermangeln des Letzten.

Da sah ich vor mir die Vollendung aus Stein. Alles sah ich abgetan, alle Gebundenheit an Götter und Erde, an das Sonnige und Bewegte, an das Werden und die Erregung. Kein Wollen mehr, nur Gewißheit. Der Grieche, wenn er etwas machte, so wollte er doch, daß es schön sei, wollte die Erfüllung in der adligen Form. Der Ägypter wollte nur die Form; wollte nur: daß sie sei.