Menschenhände machten dies nicht. Vielleicht daß sie letzte Bindungen lösten fürs menschliche Auge, eine Oberfläche abschälten. Diese Dinge waren im Stein, verhüllt, seit ewig; sie machten sich frei. Und darum: in welcher Mitte auch das hellenische Werk zu stehen scheint, Mitte für tausend sehende Augen, denen es sich lächelnd erzeigt, Augen von Göttern und Dämonen, tausend blickenden Augen der Natur: hier ist die ungeheure Zentripetalität; hier ist das Ding, das um seine Mitte gebaut ist wie der Kristall, und diese seine Mitte ist auch die Mitte der Welt. Es ist gleichgültig gegen sehende Augen. Dies wird nicht gesehen. Es stellt sich nicht dar. Es ist. Aber herum von allen Seiten, von oben und unten gewölbt ist das ganze All der Gestirne.

Hardenberg sagte mir ein Gleichnis mit Worten für das, was ich selber empfand: jedes ägyptische Werk sei in jedem seiner Maße ausgerichtet nach den Sternen. Es war Religion. Sie wußten die Unsterblichkeit in der Form. Sie machten ein Bild, daß es sei und lebe, und die Seele trat ein und blieb in ihm wohnen. Sie stellten es nicht hin an diese oder jene Stelle der Welt, sondern dort, wo es erschien in seiner grenzenlosen Notwendigkeit, war der Raum ausgespart zuvor, und es paßte sich ein in die Welt.

Als mir aber solchermaßen die Augen aufgetan waren, wandte ich mich um.

Ich befand mich in einem halbdunklen Umgang ägyptischer Säulen voller Statuen und Bilder; zwei Stufen vor mir führten in einen von Oberlicht erhellten Raum hinab. Hatten meine Augen schon das Wunder gesehn, und verwandelte sein Blick in meinem Blick mir zum Heiligtum den Raum? Duftete nicht alles? — Da sah ich das Reine.

Mitten im Raume ein einfaches, kleines Gesicht, gelblich, mir zugewandt, sah mich an. Auf einem brusthohen Postament stand es in einem gläsernen Würfel, ein Kopf, kaum so groß wie meine Hand, Gesicht, Hals und der Ansatz von Schultern und Brust. Sah er mich an? Sein Blick ging plötzlich durch mich hin, als wäre ich aus Glas, und doch fühlt ich mich durchschnitten, daß ich fror. Es war kein Ansehn, es war ein ganz blinder Blick, jener, der durch alle Dinge der Welt hindurch gerichtet ist in das Ewige.

Nun wagte ich näher zu treten und deutlich zu sehn. Es war zarter als alles; viel zarter als eine Blume. Alles an ihm war Duft. Ich sah Wangen, sanfte, unter den Augen leise gewölbt, nach unten wie mit liebkosenden Fingern zusammengeschlossen zur weichen Spitze des Kinns; sah darüber den Mund, Lippen, voll und mit zärtlicher Genauigkeit umzogen, überhaucht von leisem Rot, und sie standen ganz wenig vor wie in einem unaufhörlichen Kuß. Zart, frisch, fast süß, glich die Nase der eines kleinen Tiers; die Augen endlich, flach, leise zur Mandel nach außen geschlitzt, blickten über mich hinweg, und das Ganze von unendlichem Ernst war wie ein Lächeln so leicht.

Ach, blind war dieser Blick wie die Seligkeit, blind wie das ernste Lächeln der Blume, das nichts ist als Gefühl und Echo des Lichts.

Ich sah Hardenberg und die kranke Frau neben mir; sie lächelten verstehend, und ich brachte hervor: Wohin steht er denn?

In die Sonne, sagte Hardenberg ernst. Er sieht immer nur in die Sonne. — Und er nannte mir den Namen: Amenophis und erzählte mir einiges. Daß er einen Kult der Sonne begründete und für diesen Kult eine ganze Stadt. Daß es noch Reliefbilder von ihm giebt, wo er dargestellt ist mit Gattin und Töchtern, und die Sonne darüber senkt Strahlen auf alle, an deren Enden winzige Hände sind, die sie ihnen auflegt. Daß, als er starb, die Stadt — Heliopolis — verlassen wurde und bald zerfiel, daß sein Nachfolger, im ägyptischen Glauben, die Form bewahre die Seele, alle Bilder von ihm zerstörte, sein Dasein zu vernichten, und daß nur dieses blieb, ein kleines Bildhauermodell, sowie ein halb zertrümmertes andres. (Er war unvernichtbar; er blieb.) Daß alldies mehr als zweitausend Jahre her sei. Und er sieht in die Sonne unwandelbar.

Kein Wunder. Ein Weizenkorn, vor zehntausend Jahren in tönerner Schale, in einem Grabe bewahrt, behielt seine eingeborene Kraft und trägt Frucht in der heutigen Erde; also konnte auch die steinerne Blume unwelkbar bleiben bis heute.