Die Sonnenblume von ihrem festen Stengel aus folgt der Sonne nach überall: ihn kannst du aufstellen, wo du willst, im Licht oder in der Nacht: wann und wo du ihn anschaust, blickt er geradeswegs in die Sonne hinein.
Und ist dies nicht hoffnungslos? Die Sonne anbeten und sehn und niemals die Sonne sein können?
Sonne sein können, welch Wort! Es muß —
Oh du mein Gott, so wie er — Stoff sein der ewigen Hand! Sein im Wandel unwandelbar leicht wie ein Spiel! Fern der Erfüllung doch stets, stets auf dem Wege zu ihr — ach, wie aus endloser Mühsal doch blühte Geduld!
Reinlich getan jede Tat, reinlich gewirkt jedes Werk, griff aus dem Chaos ein Stück, und du ballst es zur Form. Dasein und Stein und Gedicht, Tagwerk und Sternengesang; alle sie schmelzen in diesen, den einzigen Chor.
Leben, ein jedes, es glüht, wandelnd in jedweder Form, die es vollbrachte, sich reinlich und reinlicher aus. Form ward es, schön und gewiß, Ordnung, ertönend Gesetz — ach, aus dem Leiden, so heilen wir lächelnd uns aus. Weltleid, es heilte in uns, Gottleid erlöst sich uns, wir, die Erlösenden, werden unendlich getrost.
Georg an Magda
Berlin, am 23. März
Tante Henriette, darf ich Dir sagen, hat sich — um ein ehemaliges Lieblingswort von mir zu gebrauchen — mit ganz besondrer Teilnahme nach Dir erkundigt und sich erzählen lassen; ebenfalls nach der „süperben Person“ mit den „Flammenaugen“, und mich beauftragt, sowohl Dir wie ihr mit ihren huldreichsten Grüßen eine Einladung in ihr Haus zu übermitteln, falls ihr den Mut hättet zu einer magern alten Person, die „keinen Braten mehr abgiebt“, aber die es selber nötig hätte, sich „warme Krammetsvögel vor den Leib zu binden“ (wie mir scheint eine kühne biblische Anspielung), um nicht zu erfrieren. Die Krammetsvögel solltet dann Ihr sein, und alles dieses mußt Du Dir vorgebracht denken in einem wahren Ton „rechter Kümmernis“. Sie ist in der Tat mehr mitgenommen, als man hätte ahnen mögen, vom Hingang des kleinen Alten; die Kümmernis reicht ihr bis zum Grunde, und der alte Mann, der mit einem ganz wenig törichten oder verwunderten, aber sonst vollkommenen Ausdruck von Friedfertigkeit seines etwas schiefgedrehten Kopfes daliegt und emsig zu schlafen scheint, muß beim Abscheiden nach so viel gemeinsamen Jahren doch ein beträchtliches Stück von ihr mit abgerissen haben. Dem Papagei hat es auch einen Ruck gegeben: bis gestern abend saß er still und steif, den Schnabel nach hinten gedreht, den Kopf auf der Schulter, auf seinem Querholz und blinzelte nicht einmal: heute morgen war er heruntergefallen und tot. Siebenundvierzig Jahre war er seines Lebens alt und hätte noch T. Henriette getrost überdauern können. Der Kanarienvogel ist zu dumm, trällert tagein tagaus und muß durch ein dunkles Tuch zum Schweigen gebracht werden.
Es sind doch nicht viele Dinge so erfreulich und selten wie der Anblick tüchtiger alter Menschen, und mir scheint, auch diese gehen eines Weges mit der Petroleumlampe, dem Indianer und Knoops beklagtem Elefanten. Hier ist die Busenfreundin von T. Henriette zu sehn, eine Gräfin Török aus Ungarn, gebürtige Wienerin; die ist so alt wie der Böhmerwald, ganz unförmig, im Gesicht so faltig wie ein Truthahn, bloß rosig, das Haar ist weiß, Augen und Augenbrauen sind kohlschwarz, und schwarze und weiße Haare hängen ihr überall aus den Gesichtsfalten. Die redet nun von früh bis spät ununterbrochen mit einer haarsträubenden Munterkeit, erzählt eine Geschichte oder Anekdote nach der andern, ihr Gedächtnis ist schon ein bißchen wirr, aber ihre Herzlichkeit und ihr erschütterndes Vergnügen an den Erscheinungen des Lebens sind erstaunlich. Dies war ihr Schicksal: Als Angehörige des Wiener Hochadels kaisertreu bis in die Fingerspitzen, verwandelte sie sich mit dem Augenblick ihrer Heirat vom Kopf zu den Füßen in eine ungarische Patriotin, und das will etwas heißen, denn es war vor 48! Ihrem Mann wich sie in allen politischen Lagen nicht von der Seite, folgte ihm, was damals noch anging, auf die Schlachtfelder, jung und schön, wie sie war, ein Trost und eine Befeuerung für alle ritterlichen ungarischen Herzen, pflegte die Verwundeten, und so weiter. Ganz plötzlich, Anfang der fünfziger Jahre starb ihr Mann, was für sie eine eigentümliche Folge hatte. Nach einigen Wochen der Verzweiflung erschien sie wieder wie zuvor, ihre Lebenskraft hat, wie Du siehst, seitdem nicht abgenommen, sie ist in allen Ländern der Welt zu Hause, war in Amerika und in Japan, in ‚Zeylon, Zingiber, den fernsten Inden‘, läuft noch heute in jede Uraufführung, vergleicht die Elena Gerhardt mit der Patti oder Lucca, oder wie jene Verschollenen heißen mochten, Grete Wiesenthal mit der Camargo, schwärmt für Nijinski, liest Strindberg und Rilke, humpelt Dir sicher am Eröffnungstage der Freien Sezession an ihrem Stock entgegen und kann Dir von jedem Breughel oder Rembrandt sagen, ob er im Haag, in Kassel oder Wien hängt. Aber: bei alledem ist sie in steter Begleitung ihres Mannes. Es kommt vor, daß sie im Gespräch, zum Beispiel wenn ihr Gedächtnis versagt, zur Seite fragt: Wie? und dann sagt er ihr Bescheid, gleichviel ob die fragliche Sache sich zu seinen Lebzeiten ereignete oder nicht. T. Henriette sagt, manchen, der, unbekannt mit dieser Erscheinung, sich erkundigt habe, an wen sie eben diese Frage richtete, und den Bescheid erhielt: O ich fragte bloß meinen Józsy! — manchen, wie gesagt, habe dies schon betreten gemacht. Sie plant auch keine Reise oder entschließt sich zu sonst etwas, ohne ihren Józsy zu Rate zu ziehn, sie geht mit ihm in ihrem kostbaren alten Garten in Budapest spazieren, und man kann sie abends und auch nachts in ihrem Zimmer beträchtliche Zwiesprache mit ihm halten hören.