Ich muß Dir schreiben, daß Du sie nicht wiedererkennen wirst, wenn Du sie siehst, was, wie ich hoffe, bald geschehen wird. Laß Dir sagen, daß ihr Gesicht nunmehr kleiner ist als meine Hand und so völlig von Elfenbein scheint, wie etwas noch Lebendes elfenbeinern scheinen kann; so leblos, so glatt und so hart. Ihre Augen darin sind von schwarzer Bronze, tot.

Es hat demnach den Anschein, als läge hier wieder eine jener beklagenswerten Verwechselungen vor, an denen die menschliche Gesellschaft so reich ist, und hier scheint irrtümlich in den Leib einer Baumnymphe oder Dryade die Kraft und der Wille eines Kentauren geraten und entsetzlich darin gehaust zu haben.

Irene, fragte ich, nahezu sprachlos, als ich sie sah, was hast du gemacht?

Sie zuckt die Achseln, sagt: Gebetet.

Was? sage ich, die ganze Zeit, nichts als gebetet? — Sie sagt: Ja. Andres gab es nicht mehr. Im Anfang, sagte sie, sei es schwer gewesen und reichlich unvollkommen. Bis dann eines Tages die Welt verdämmert war und sie allein lag auf ihren Knien, irgendwo im Raum, auf einem Stern, oder selber ein Stern, der an Gottes Himmel aufging. Sie begann zu glühen vom Gebet, dann glühte nur noch das Gebet, dann begann sie zu leuchten, dann ging sie auf. Aber nicht der Mensch und sein Wille ist schuld, sondern das Düster der Erde, wenn uns leiblich zu erlöschen scheint, was seelisch entbrannte.

Auch im Kloster scheinen sie nicht eben richtig geschliffene Augen gehabt zu haben, denn sie wurde nach etwas über halbjährigem Aufenthalt vor die Wahl gestellt: entweder zu bleiben für immer, oder zu gehn. Schließlich muß man zugeben, daß ein Kloster kein Asyl für Obdachlose sei. Irene freilich war nun ratlos, wäre es vielmehr gewesen, wenn sie nicht in der Nacht einen schönen Traum gehabt hätte. Ich an ihrer Stelle würde ja der Weisung von Träumen nicht ganz so unbedingt Glauben schenken, allein sie ist, wie sie ist. Was sie träumte, war ein ganz blaues Meer, ein hellblaues, südliches Meer, auf dem rosafarbene Glocken schwangen, und sie selber schwamm ihnen entgegen, und sie lösten sich an ihren Gliedern in einen so unbeschreiblichen Duft auf, daß sie noch darin gebettet war, als sie erwachte.

Die Auslegung des Traumes nahm die Gestalt an, daß wir uns jetzt seit einigen Wochen an der Küste des Mittelländischen Meeres befinden, nicht weit von Taormina, und daß Irene jeden Morgen bei Sonnenaufgang, nackt wie sie geschaffen wurde, in die See hinausschwimmt, so weit sie kann. Dies, sagt sie, wäre ihre Reinigung. Ihr Gebet dabei ist wieder dasselbe wie zuvor; es lautet:

Du bist klar,

Ich war klar,

Mach mich wieder, was ich war!