Daß ihre schon im Schwinden begriffenen Kräfte dabei absterben wie dünner Schnee, das ist vorläufig die erste Folge. Aber ihr Gesicht bräunte sich wieder langsam, in die Augen kam wieder ein leises Blau.

Da ich sie nicht hindern könnte, selbst wenn ich das wollte, so ist dieser Brief nichts als eine matte Spottgeburt meiner Unbeholfenheit. Eine Änderung scheint mir notwendig. Das beste wäre, Klemens käme im Augenblick, aber ich habe eine Abneigung gegen gewaltsame Eingriffe. Irene hört, wenn ich von Dir und Andern spreche, zwar zu, erwidert aber nichts. Es wäre trotzdem möglich, wenn Du ihr den Vorschlag machtest, sie irgendwo zu treffen, wo Wasser ist, an einem italienischen See zum Beispiel — denn der Frühling, der hier fast die Augen blendet, gelangte ja noch nicht zu Euch —, oder aber bis hier herunter zu kommen, doch habe ich so eine Ahnung, als wäre Dir das zu weit. Ich fürchte aber jeden Tag, sie zerschmilzt mir zwischen den Händen, und wenn wir im Garten sind und der Himmel sich bewegt zwischen den Mandelbäumen, so muß ich sie ansehn, ob sie noch ganz da ist, oder ob es nicht das blaue Flackern ihrer Seele war, die über die rosigen Wipfel enteilte.

Ich kann nicht gut briefschreiben, da ich keine Übung habe, und im ganzen wird dieser Brief Dir vermutlich erscheinen wie eins der alten Bilder vom Martyrium einer Heiligen: was man sieht, sind Farben, Gewänder und teilnahmslos reine Gesichter; was man nicht sieht, ist das Blut, die Not, und das Sterben. Wer aber Zeuge war dieser drei Dinge, dem werden sie ein seltsames Gift einflößen, dessen Wirkung es ist, daß er von allen Dingen der Welt reden kann, nur von diesen muß er schweigen.

Ich hoffe also, Du willigst ein, wenn ich sage: Auf Wiedersehn!

Jason

Renate an Irene

am 29. März

Liebe Irene!

Jason schreibt mir, daß Ihr in Sizilien seid, und daß er sehr besorgt um Dich ist. Ich selber war lange krank, das hörtest Du wohl von ihm, nun möchte ich gern mit Magda nach dem Süden, Sizilien ist uns freilich zu weit, Magda könnte auch nicht sehr lange bleiben, da sie im April zum ersten Mal öffentlich singen wird, — am Charfreitag. Möchtet Ihr uns nicht in Torbole oben am Gardasee treffen? Mehr als sechs Jahre, glaub ich, war ich dort mit meinem Vater in den Sommern und habe plötzlich die heftigste Sehnsucht. Es wird freilich noch eine Woche dauern, bis wir fortkommen können, teils weil ich Onkel noch überreden muß, mitzukommen, teils weil Magda sich vor ein paar Tagen eine leichte Erkältung zugezogen hat, so daß sie sich noch schonen muß. Es schadet ja aber nichts, um so weiter wird der Frühling dort schon sein. Ich hoffe sehr auf ein Wiedersehn, Irene! Sage Jason alles Liebe und Dank für seinen Brief! Von Herzen Deine

Renate