Torbole, am 12. April
Es ist alles geblieben, wie es war: meine beiden Zimmer von damals, die strahlenden Morgende, Papas Olivengarten, die uralte Straße nach Mago zwischen vergessenen Gärten, in denen jahrhundertealte Ölbäume wachsen, — alles geblieben, nur daß ich jetzt die Augen schließen muß, um einen geliebten Schatten durch meine Landschaft gehen zu sehn, und daß ich ganz eine Andre bin. Etwas wohler ist mir doch! In der vollen Sonne zu liegen, vor halbgeschlossenen Lidern die gläsern blauen Gluten des Sees, grünes, raschelndes Feuer aus Wipfeln in Lüften — da läßt es sich nicht widerstehn, und solange der Tag währt, ist es ganz gut. Nur an die Nächte darf ich nicht denken.
Irene fand ich schon vor. Oh wie mich schauderte bei ihrem Anblick! Im Ölbaumgarten saß sie halb ausgestreckt in einem Liegestuhl und bewegte kaum den Kopf nach mir, kaum das weiße Gesicht in dem grünen Schatten mit den, wie Jason schrieb, bronzenen Augen. Ihr Lächeln war herzzerreißend. Ich konnte lange nicht sprechen und war froh, daß Magda nichts sah und zu plaudern begann. Wie ich sie so daliegen sah in ihrem leichten goldenen Haar, allzudünn in einer an Leib und Armen eng anliegenden grünen Tunika, an deren Ärmelenden sie beständig und rastlos zupfte, und schwarzem Seidenrock mit rostigen Falten, wußte ich lange nicht, an was sie mich erinnerte; aber dann fiel mir ein, daß ihr Körper wie der weiche und haltlose Stengel der Wasserrose war, der das weiße Haupt nicht hält, sondern es ruht auf dem Wasser; und so schien auch ihr kleiner Kopf nicht mehr vom Leibe getragen, sondern von einem dunklen, geheimnisvollen Element, in dem sie schwebte. Noch immer, sagt Jason, badet sie in der Morgenfrühe im See, woher sie die Kraft dazu nimmt, begreift keiner von uns. Übrigens ist sie das Gegenteil von mir, sie glüht am ganzen Leib, ihre Hände sind wie Flammen, aber sie kann mich nicht wärmen, und ich ihr nicht kühlmachen, und es muß alles Elend bleiben, was Elend ist.
Die Tage vergehen in Ruhe und Sonnenklarheit, das kleine Klavier ist gestern gebracht worden, Magda übt fleißig, ich begleite sie auch. Abends sitze ich in der Bucht am Sasso. Wie weit man nach Süden sieht, oh wie weit!
am 13.
Ich hatte heut ein schönes Gespräch mit Magda über Georg — das heißt, das Schöne war, was sie von ihm sagte. In der häßlichen Vergeßlichkeit, an der ich nun mitunter kranke, hatte ich an dem Tag, wo er bei mir gewesen war, vergessen, es ihr zu sagen, dann kam die Reise, heut erst fiel es mir wieder ein. Sehr lange saß ich dann noch in Gedanken, als sie gegangen war.
Ach, was ist es nur mit uns Menschen? Schicksal, sagte Magda, was ist denn das? ein Wort, ein Begriff, eine Macht? Wir sind doch Menschen! Irene, Ulrika ... Ach, Ulrika ... ein einziges Mal, fällt mir ein, sprach sie von sich selber, wie Magda heut, es war an einem Weihnachten, oder Neujahr, aus irgendeinem Grund brach das Gespräch plötzlich ab, und Bruchstück blieb es, wie sie selber es mir immer war, bis ich ihr Totenantlitz sah von Bogners Hand, und nie werde ich dies verstehn: warum sie, das geistige Wesen, sie, die immer nur Geist zu sein schien, warum sie so leiblich zerrissen wurde und wie das nur möglich war! Muß man nicht denken, daß die Natur sich hat rächen wollen?
Ja, Bogner auch und Georg, Irene und Magda, und ich selber, was geht denn nur vor in uns Allen? Ist denn das, wohin wir geraten, wirklich das, was wir wollten? Zwang es uns? wer denn? Schicksal? Ja, es ist doch, als ob jeder für ein Gewisses bestimmt wäre, er kann jahrelang irregehn, kann dies und jenes tun, aber immer geht er den einen Weg, immer wirkt er am einen, seinem Schicksal, bis eines Tages das Gewisse fertig wurde, und nun sieht er ein. Sie glaubt ja, Magda glaubt ja an Georg, daß er seine Bestimmung erreichen wird, weil er sie in sich hat, rein gesondert von allem Irren ...
Und das wäre Schicksal? Ach, wenn es sich wirklich nennen läßt, so kann es nichts andres als dies sein: daß wir so sind, wie wir sind, und daß uns Unheil daraus kommt, und daß wir selber es leiden müssen.
Oh nähme es endlich ein Ende!