In der Nacht träumte mir, daß ich in mein Zimmer kam, das schon voll von Koffern und Taschen war, und ein Mensch, den ich dann als Josef erkannte, war dabei, einen großen Koffer zu schließen. Auf meine Frage, ob alles fertig sei, richtete er sich auf und sagte: Ja, soll dein Onkel denn hierbleiben? Was ich geantwortet habe, ist mir entfallen, aber da er hinausging, muß ich angenommen haben, daß er Onkel holen wollte, und ich wartete, aber er kam nicht wieder. Endlich wurde mir ängstlich zu Sinne, ich ging hinaus, da war draußen alles finster, ich tastete mich an der Wand hin, furchtsam, ich könnte die Treppe verfehlen und abstürzen. Da kam aus einer Türe Erasmus mit einem Licht und sagte, indem er mich geheimnisvoll ansah: Einer von uns muß hierbleiben ...
Davon erwachte ich mit einem Schrecken, machte gleich Licht, die Uhr stand auf ein Viertel nach vier. Plötzlich wußte ich, daß ich nach Onkel zu sehn hatte; ich glaube wohl, daß ich schon alles wußte, und als ich in seinem Zimmer war und Licht machte, lag er in dem Schlaf, aus dem er nicht mehr erwachen wird.
Sanft war es gekommen, das Ende. Kein Ende, nein, nur ein schmerzloser Übergang von Schlaf zu Schlaf. Auf seinem Gesicht, so rein, daß ich nicht weinen konnte, stand zu lesen, daß es nichts als eine wunderbare Vertauschung gewesen ist.
Georg an Magda
am 11. April
Meine liebe Anna!
Dank für Deine Zeilen! Um Birnbaum sei unbesorgt! Ich sage die Wahrheit, indem ich die Aussage des Arztes an Dich weitergebe, daß es „einer der leichtesten Schlaganfälle ist, die ihm je vorkamen“, und daß er voraussichtlich nahezu spurlos bleiben wird. Übrigens fand ich ihn in der letzten Zeit so innerlich freudlos geworden, daß es ihm kaum leid tun würde, diese Welt zu verlassen, die ihm seit Papas Tode nur ein zerbrochenes Ding ist, an dem er müde herumflickt. Wie ich den Ausfall seiner Arbeitskraft ertragen sollte, ist mir unbekannt, aber wenn es erst so weit ist, wird sich, wie alles andre, auch das tragen lassen.
Verzeih die allzu geschwind hingewischten Zeilen! Ich glaubte schon, Dir auf dem Klosett schreiben zu müssen, weil ich nicht wußte, woher die Zeit nehmen. Nichts für ungut, Anna, und ich komme nach Helenenruh, um das alte Trio zu hören, ‚nicht die ganze, doch die halbe‘ Charwoche, mehr wird nicht möglich sein, sagen wir Mittwoch, vielleicht erst Donnerstag, vielleicht würg ich den Dienstag heraus, aber versprechen kann ich nichts. Sei versichert, daß ich überaus gern komme, Deinetwegen und natürlich auch meiner selbst wegen. Der verruchte Zustand, in dem ich herumschnaube, muß ein Ende nehmen, ich will mich noch einmal vor den Göttern von Helenenruh niederwerfen und — aber wozu, wozu das? Lebe wohl! Hab gute Tage am blauen See, grüße Renate, auf Wiedersehn, lebe wohl!
Georg