Wir aber wollen es aufgeben, dasitzend nachzusinnen wie der nachdenkliche Medici: wie alles so gekommen ist. Kopf hoch und geradeaus in das Hoffnungslose. Renate nämlich — ist zu vergessen. Denn Sehnsucht, sang Chastelard, Sehnsucht ist Qual. Sehnsucht dieser Art verbittert, Sehnsucht trübt, Sehnsucht macht schwindlig, macht unfroh und kränklich und feige. Schließlich: ich bin mir zu edel für Sehnsucht.
Und mein Leben — wie ein schwarz verkohltes Stück Papier so zerflattert mirs unter den Händen.
Magda an Georg
7. April
Mein Lieber,
gestern abend und heute den ganzen Tag versuchte ich vergebens, Dich am Telephon zu erreichen, Du warst immer wo anders, um Dir Lebewohl zu sagen und vor allem, mich nach Onkel Birnbaum zu erkundigen. In der gestrigen Abendzeitung stand „ein leichter Schlaganfall“, ich fuhr gleich hinaus, konnte aber nur das Mädchen sprechen, seine Frau hatte sich schon hingelegt — und die Morgenzeitung heute weiß auch nur von „bestem Befinden“ und „keinen Besorgnissen“ zu fabeln, aber die Zeitungen beschönigen immer alles, und ich hätte so gerne von Dir Gewisses erfahren. Nun muß ich ohne das reisen. Auch ohne einen Händedruck von Dir, — aber es werden ja nur wenige Wochen sein. Außerdem hoffe ich, Dich gleich nach unsrer Rückkehr ein paar Tage in Helenenruh ganz für mich zu haben, was Du mir nicht abschlagen darfst. Du weißt ja, daß der Geburtstag Deiner Mutter diesmal auf Charfreitag fällt, und hast vielleicht nicht vergessen, was ich Dir erzählte: daß der Gesangverein in Böhne beschlossen hat, den Tag durch eine Aufführung des Deutschen Requiems zu feiern, daß ich aufgefordert bin, zu singen, und daß Benno das Orchester des Stadttheaters in Altenrepen dirigieren wird. Damals versprachst Du mir — etwas zu leichthin — zu kommen; vielleicht findest Du Dich eher bewogen, wenn ich Dir verrate, daß Renate bereit ist, wenn ihre Gesundheit es erlaubt, den Orgelpart zu übernehmen. Da hättest Du denn alles zusammen, was Du liebst. Nun bitte, lieber Freund, schenk mir die Charwoche! Eine Erholung wird Dir sicher gut tun, ich weiß ja, was die Krankheit Birnbaums für Dich bedeutet, also versprich mir, Georg! die Charwoche! Danach gehn wir für längere Zeit auseinander, ich auf meine erste kleine Konzertreise, Benno nach Aachen, wie Du wissen wirst, und wer weiß, wann wir wieder zusammenkommen.
Schreibe mir nach Torbole am Gardasee postlagernd. Alles Gute, Georg, und tausend liebevolle Gedanken Deiner alten
Anna
Aus Renates Buch
am 9. April