Erloschen.
So mußte es freilich kommen; unabänderlich; genau so.
Ich erhaschte eine freie Minute und fuhr zu Anna. Warum fuhr ich? Weil seit dem Zusammensein mit ihr auf Hallig Hooge ein Duft von ihr in mir verblieben war, beunruhigend, der immer drängte, mit ihr zu reden, ihr zu schreiben, ihr — kurz, ihr nahe zu sein. Kann, dacht ich, wiederkommen, was lange verging? Immer sah ich auch ihr Gesicht in dieser sonderlichen Verändrung, die ich seinerzeit erst nicht zu deuten wußte, bis ich entdeckte, daß ihr Augenbrauen wuchsen, noch dünn, schwarze, nicht blonde Brauen — als sollten sie ein Ersatz sein für das, was den Augen genommen war. Fast farbig wurde von ihnen das sonst farblose Gesicht, sie gaben ihm Gestalt, Zeichnung, trennten die überstarke Stirn von dem Untergesicht und ersetzten wirklich etwas von dem fehlenden Blick der sonst klaren Augen. Und ich deutete daran herum, schon tauchten zärtliche Schatten auf, ich empfand Sehnsucht.
So fuhr ich zu ihr, und sie war nicht da. Ich wollt es kaum glauben. Bekanntlich ist so der Mensch: kommt, fragt — was, sagt er, ich komme, und sie ist nicht da? (Später hörte ich dann: sie wollte verreisen und war noch einmal zu ihrem Lehrer.) Nun mußte ich mich bei Renate melden lassen — ah, Telemach, schlug dir das Herz?
Der Tag war von besondrer Wärme, so fand ich sie halb im Freien, in der Veranda, sie schien unverändert. Und was mich betrifft, so konnte ich sie ruhig betrachten — nämlich zu Anfang.
Unverändert schien sie, von Zügen, obgleich von solch einer — wie nenn ichs nur? — aber es giebt kein Wort für diesen Bund von Lieblichkeit und von Majestät, der ihr immer eigentümlich war. Sie saß in einem Korbsessel, im dünnen Sonnenlicht, weißgekleidet, die Arme bis zum Ellenbogen unter einer Decke von weißem Plüsch. Weiß wie alldies war auch ihr Gesicht, darin die Augen von so hellem Blau wie das der Hyazinthe. Langsam dann, immer merklicher, wie ich vor ihr saß, begann sie sich zu verwandeln. Ich glaube, mit ihrer Hand fing es an, ihrem Arm, der nun auf der Decke lag, und diese Hand, die nur ein Gebilde schien aus Schnee und Schmerz, war gleichwohl von einer herzdurchschaudernden Menschlichkeit; eine Menschenhand, eine weibliche Hand, und Daumen und Zeigefinger sahen aus, als hätten sie erlebt, wie sie gemacht wurden aus lebendigem Fleisch, Schmerz, den sie nie vergessen würden. Das, womit ihre Finger spielten, war erstaunlicherweise das Ende von einer ihrer beiden hellbraunen Flechten, — das hatte ich auch freilich noch nie gesehn. Und jetzt der Mund, ach der Mund! Als ob sie sich ins eigene Herz gebissen hätte mit ihm, — so zuckte es unmerklich an seinen Winkeln, die tief in das weiße Fleisch hinabgezogen und eingebettet waren. Und jede Linie ihrer Züge war mit einer geheimnisvollen andern nachgezogen, wovon sie aber nicht scharf geworden waren, sondern ganz weich. Der ganze Mensch war nichts als blühendes Schicksal.
Nun erscheint sie mir wieder im Raum, und was ich nun um sie atmen fühle, ist Verlassenheit, Hülflosigkeit, Unwissen. Wohin jener Zauber von damals, jener Gürtel von Unnahbarkeit? Die Unnahbarkeit war geblieben, aber sie war nicht mehr Wille und Stolz und Bewußtheit. Ganz magisch war sie geworden, und in ihr rieselte ein Brennen, ein Aufgelöstes, ein Schmelz — furchtbarer Nachglanz einer unendlichen Umarmung, aus der sie gerissen wurde, und ich — ja, ich fürchtete sie mehr, als daß ich hätte begehren können.
Von dem, was wir gesprochen haben mögen, ist nur das Letzte wichtig. Da ich vom Amenophis begann, so hörte sie mir eine Weile zu, lächelte langsam und meinte, es sei schön, daß ich ihn auch kennen und so sehr lieben gelernt hätte; ihr sei er Freund seit Jahren, nur unter seinem ägyptischen Namen Ech-en-Aton; sie habe einen Abguß in ihrem Zimmer stehn, ob ich ihn sehn wolle — ja, Weihnachten sei es drei Jahre her gewesen, daß sie ihn bekam, von Josef, und ob ich nicht auch fände, daß er Saint-Georges ähnlich sehe.
Nun, mein Telemach, was hilft es jetzt, zu sagen: Und wenn wir ihn damals gesehn hätten, ja, wenn es möglich gewesen wäre, ihn zu sehn, was aber nicht möglich war, da ihr Zimmer damals unbetretbar war für unsersgleichen: so würden wir ihn doch nicht erkannt haben, weil uns die Augen abgingen. Dies aber hilft uns nichts, sondern dies bleibt: das Geheimnis. Daß er drei Jahre in unsrer Nähe stand, erreichbar und nie zu erreichen, in diesem, in ihrem, in Renates Haus, Renates Eigentum, Renates Freund — darin verhüllt sich das Geheimnis unsres Lebens. Und der Schluß wird uns überdauern: wir blieben blind für die Wahrheit Renates, weil er uns verborgen blieb; oder Renates Wahrheit blieb uns verborgen, weil wir blind für ihn waren. Das geht so herum oder so herum wie die Daumen — der Schluß bleibt derselbe.