Sich vereint schimmernd still licht-kleinod:

Glanz und ruhm rausch und qual traum und tod.

Stefan George

Erstes Kapitel

Georg

Unermüdlich wanderten die Gedanken.

Georg, mit den Füßen ebenso unermüdlich, wanderte das kalte kleine Helenenruher Zimmer ab. Im Winkel neben dem Fenstervorhang strömte die alabasterne Schale ihr immer gedämpftes Licht aus, in einer Stetigkeit ohnegleichen, die Georgs Auge zu Boden schlug, wenn er ihrer gewahr wurde. Im ständigen Hin und Wider die kurze Strecke durch den Raum streiften seine Blicke unteilhaft Wände und Gegenstände des Kindheitszimmers, die ihm, so wenig ers inne ward, mit Alterslosigkeit und Unwandelbarkeit doch der letzte Halt waren, nicht aus sich herauszufahren, ein unseliger Wirbel, von sich selber zerrissen. Die Nacht war laut. Frühling und Winter schlugen die letzte Schlacht in der Finsternis, und unter einem Sturmwind, der selber von unheimlicher Lautlosigkeit war, tosten die Bäume des Parks, die ferne Stimme der See überbrüllend; das ganze Haus mitunter bebte und verriet knackend seine Fugen. Georg lief, in so rastloser Bewegung wie ein Gesteinsbohrer sich hineinschraubend in den Gneis seiner Ratlosigkeit.

Auf dem Schreibtische vor dem Fenster lagen und standen in dem stillen nächtlichen Licht die Gegenstände der Kindheit, vom gegenwärtigen Augenblick wie von der Vergangenheit unberührt. Aber mitten in ihrem unangefochtenen Stillesein lag das Brennende, die schwälende Fackel, aus der jeder seiner Blicke im Streifen einen neuen Schluck verzweifelter Gluten schöpfte: lagen die wiederaufgefundenen Briefe an seinen Vater — eigentümlicherweise von ihm selber scheinbar in diesem Schreibtisch nur deshalb versteckt, damit er sie fände —, die aus den höllenhaften Septembertagen des Vorjahres. Georg hatte sie gelesen, sich ins Bett geschlagen vor Entsetzen und sich nach endlos flammenden Stunden der Schlaflosigkeit an die Wanderschaft durch den Raum gemacht, entschlossen, noch in dieser Nacht fertig zu werden mit diesem und sich.

Das allerdings, was ihn zuerst aus den Briefen entsetzt hatte, der Irrsinn, das Wiedereintauchen in die Folter von damals, war nun längst schon verschwunden hinter einem mehr würgenden Elendsgefühl. Denn was stand da geschrieben, Zeilen, die sich eingebrannt hatten in sein Hirn, in sein Herz? ‚So müßte es mir in der Tat gelungen sein, die ganze Oberschicht menschlichen Daseins, die uns gemeinhin bedeckt, abzukratzen, die ganze moralische Haut sozusagen, jene, in der auch das sogenannte Gewissen steckt, das Alltagsgewissen, nach dem man so behaglich lebt, dieweil es mit Gründen für alles vollsteckt wie ein Brombeerbusch im Oktober. Möglich es ist so. Möglich, das qualvolle Unbehagen, das mir das jetzige Leben verursacht, kommt davon, daß ich die Haut verlor und nun schauderbar friere in der Nacktheit. Worauf es ankäme, wäre dann wohl, nicht, wie ich es unbewußt bereits vorhaben werde, eine neue Haut zu bilden — die nur die alte werden könnte —, sondern vielmehr den Zustand der Hautlosigkeit als dauernden zu ertragen, mit Frieren aufzuhören, ihn lebensfähig zu machen.

‚Wie soll mans nennen? Nur — Mensch zu sein. Alle Strahlen des Lebendigseins aufzufangen — mit keiner spiegelnden Netzhaut, die Bilder hervorfluten läßt und verwirrende Gestalten —, sondern sie aufzusaugen in den innerst glühenden Kern des Menschseins, wo sich von selber zu ätherischer Reine und Klarheit die ewigen Begriffe bilden, die zeitlosen, die unwandelbaren Formen, in denen die Gottheit sich darstellt.‘