Und schlimmer noch diese Sätze:
‚Gnädiger Gott, der du bist! Wenn es denn möglich sein soll, wenn es aus alldiesem noch einen Weg geben soll für mich, so bewahre mich vor dem einen: ja, wahrlich, wenn ich auch mit Blut und Knochen, mit all meinen Sinnen und Übersinnen wieder hinein muß ins Alte, — so sei mir gnädig und verhilf mir zu dem Einen: nicht der Gewohnheit wieder anheimzufallen mit meiner Seele! Daß ich meine eignen Gedanken sehe wie Sterne, meine eigenen Gefühle wie Blumen; daß ich nicht dem Ungefähren nachtappe, wie ich das Pferd Unkas sich selber nachtappen sah in den ewigen Stall!‘
Ja, gnädiger Gott, war es faßbar, war es nun nicht doch geschehn, war er nicht ganz wieder der alte, hatte er sein Leben geändert? — Seine Gedanken jagten wie herrenlose Hunde in den letzten Monaten herum, suchend nach einer geringsten Veränderung gegen früher. Nichts da, nichts! Da war ja auch keine Zeit zum sich Ändern; da war ja nur von Arbeit ein Ozean, in dem er so hülflos herumpaddelte wie ein Pudel, und — Ich weiß was! knurrte er wild: Wenn du echt wärst, Georg, wärst, der du scheinst, so wärest du ruhig, verlebtest nicht Tag und Nacht in hundert Ängsten vor unerledigten Aufgaben, hättest ein gutes Gewissen, hättest auch Vertrauen zu denen, die du verständig weißt, um ihnen das Übermaß des Deinen zuzuschütten, anstatt daß du nun keine stinkende Ratte von Angelegenheit vorbeilaufen lassen kannst, ohne sie an die Nase zu führen. Also bist du verflucht, mein Prinz, mußt dir selber die Zeit wegrauben, und alldas, alldas von Anfang her, ist deine Schuld!
Herr des Lebens, und sollte er nun glauben, daß jenes Fegfeuer des Irrsinns im vorigen Herbst keinen Sinn gehabt hatte, als einmal zu brennen und zu verlöschen? Ungereinigt war er herausgestiegen ins vorige Sein. — Wie es da ausgedrückt war: den Zustand der Hautlosigkeit zu einem dauernd erträglichen auszubilden, so wars eine poetische Redefigur; eine Haut mußte sich wieder bilden, aber: ein Zeichen, ein winzigstes, mußte doch zu entdecken sein an der neuen Haut, erkennbar zu machen, daß sie neu war.
War er ein andrer Mensch? Hatte er irgendwas gewonnen?
Seine Phantasie, auf der Suche, geriet sofort an Renate.
Da stand, als er nach der Ankunft in Böhne aus dem Bahnhof ins Freie trat, im Zwielicht das Viergespann, das Magda, ihn festlich zu empfangen, vom Gestüt hatte herausfahren lassen, und drin saß sie mit Renate, gut aussehend, heiter, noch angebräunt vom italischen Frühling, und Hut und Kleidung schienen gefälliger als früher. Renate unkenntlich vor Schleiern ... Er aber empfand Lust, zu kutschieren, und stieg auf den Bock.
Es dämmerte schon, als die Stadt hinter ihnen zurückwich. Weit vorauf sichtbar die weiße gewundene Straße schien seltsam leidend; weit und verlassen die grünen Gefilde der Wiese, verloren im Abend; vereinsamt in ihrem Dunkel die kleinen Wäldchen fern unter den lastenden schweren Wolkenmassen des ruhlosen Himmels. Tropfen fielen und eintönig die Schläge der vielen trabenden Hufe, ein trappelndes Durcheinander. Und noch im aufatmenden Gefühl, daß er sich nicht mehr beeinflussen ließ von Landschaft und Witterung, wie früher, daß er sie nur um sich her sein ließ zum Beschauen, wandte er sich um, und da saß Renate, Schleier und Hut im Schoß, das Antlitz zur Seite gewandt aus dem Wagen, still, und Tränen liefen naß und glitzernd aus ihren Augen. Ihn streifte sie mit einem flüchtigen Blick, einer verlorenen Bitte, und fuhr einfach mit Weinen fort.
Nun sah er wieder die süßen Farben des einzigen Gesichts, das glänzend rinnende Blau der Augen, das bräunliche Haar, die Blüte der Wangen, — sah es in seiner Vereinsamung mitten im immer dunkleren Kreis des Landes. Der Himmel verfinsterte sich mehr, das Land schwand in der Dunkelheit der Fernen, lauter scholl das Trotten der Hufe, steif in den Händen die Riemen fuhr er dies Weinen durch den Abend hin, und ihm war, als führe er Persephone weinend über das seufzende Land, er, Hades, seinem trostlosen Hause zu.
Das lag dann plötzlich, erhöht über die schwarze Masse des Waldes, aus dem es zu wachsen schien, schwarz mit den Türmen vor dem düsteren Westhimmel, in dem noch geheimnisvolle Röten glühten in Streifen, wie von Bränden und nicht von Sonne.