Beim Aussteigen nahm sie nicht nur seinen Arm, sondern stützte sich sogar, ihres verstauchten Fußes wegen, und er empfand körperlich ihre Weichheit. Daß er sie einmal führen und stützen müsse, hätte er nie gedacht. Beim Essen dann konnte er alles sehn: die Hoheit von einst, den magischen Kreis um sie her, den er immer gefürchtet hatte, und der jetzt durchwirkt war von Weichheit, einem hülflosen Schmelz, für ihn schmerzhaft verlockend und von kaum erträglicher Süße.

Dann erschien Benno, verlegen und strahlend ...

Wie, Benno? Das hatte er vergessen, mit Benno hatte sich etwas zugetragen, aber das war nachher zu bedenken, erst weiter — Renate ...

Magda sang auf seine Bitte, oben im Klaviersaal am Harmonium, zwei der ernsten Gesänge von Brahms.

Indem fiel Georg ein, daß der Geburtstag seiner Mutter bevorstand, und seine Brust zog sich leise zusammen, halb in Scham, daß er jetzt erst ihrer gedachte, und mit einem jähen und schweren Gefühl des Vermissens sah — nein, empfand er ihr leidvolles Dasein und ganz stark ihre vereinsamte Liebe zu ihm. Wieder brannte ihm das Herz, er dachte Emmaus, und er stöhnte plötzlich unter einer siedenden Woge Leides, eigenen Leides im letzten Jahr, die über ihn hinschlug. — Es geht vorüber, murmelte er dumpf und geduldig, es geht vorüber ...

Wieder erschien ihm Benno, wie er dastand hinter seinem Stuhl, die Lehne in Händen, und sich wand und verteidigte.

Also das wars, er komponierte eine Oper. Nein, erst war das mit George, wie kamen sie darauf? Ja nun, wie das so geht ... Menschen, die sich lange nicht sahn und vieles erlebten, wovon zu reden wäre, greifen vielmehr nach dem Unpersönlichen. So sprachen sie von Literatur, von Stefan George, und was hatte er gesagt, dieser verfluchte Benno? Er hatte den „Gehalt“ vermißt an George. — Da vermißte einer Gehalt am Marmor, dessen Eigenschaft es ist, Marmor zu sein durch und durch. — Georg war sprachlos.

Ja, richtig, Benno bewunderte ihn, George, aber er erschütterte sein Herz nicht. Es fehle am Menschlichen irgendwie. Gewaltig, ja, oh natürlich, und er gab überhaupt alles zu, wie immer, und er sei im Unrecht, das wisse er wohl, aber er könne sich nicht helfen, — und lobte darauf Gerhart Hauptmann. Georg staunte baß und gab zu: Michael Kramer, Florian Geyer und vielleicht das Friedensfest, mehr um keinen Preis, worauf Benno eine schmächtige Hymne sang auf das Hannele, indes Georg begriff und ihm auf den Kopf zusagte, daß, wenn ein Mensch zu ihm träte und sagte, das Menschenherz ist voll Tränen und Sehnsucht, er schon jubelte und schrie: Ecce poeta! Oh uralte Verwirrung der Begriffe, denn wo Welt und Schicksal und Not und Überfeuer zusammengepreßt seien in eine eherne Musik der Sprache, da stehe er leer und dunstig. — Kein Zentrum in ihm, das ists, murrte Georg. Vor sechs Jahren las ich das erste Gedicht von George, verstand ihn vor Jugend noch kaum, und seitdem, Jahr um Jahr, wieviel, wie vieles ist abgefallen und verwelkt, all die Dehmels und Hauptmanns und Wedekinds, bei denen man damals sich freute und meinte, es genüge, wenn da etwas sei, — aber er — und noch Hölderlin —, diese Beiden gingen immer mächtiger und strahlender auf wie die Sterne mit der tieferen Nacht. Die sind freilich nicht leicht zu tragen, aber wer sich nie mit ganzer Kraft um das Leben mühte, wie will der das Wahre gewinnen an der Kunst?

Denn Benno, der komponierte nunmehr glückselig eine Oper. Eine Spieloper? Keineswegs, sondern ein stolzes Musikdrama, und gar war er sichtlich enttäuscht, keine glückwünschende Zustimmung zu erhalten, und gar endlich auf einen Text, den ein Freund oder Vetter seiner Elfe, Schriftsteller, hergestellt hatte aus einer Erzählung von Riehl. Bei den Göttern, so wars, damit nur alles zusammentreffe: Musikdrama und Dramatisierung eines epischen Stoffes, — alle Notwendigkeit beim Teufel! Georg stand wütend auf.

Du, Benno, hielt er plötzlich seine Rede aufgebrachter noch einmal, hast du denn alles vergessen von damals? War dir alldas etwa nur wert, gefühlt und gesungen zu werden? Nichts als Sentimentalität? Nun sind wir Männer und hätten zu zeigen, was wir gewannen, und ich, Benno, ich hab auch Verse gemacht und mich für einen Dichter gehalten; als ich aber einsah, daß es nicht das Ganze war, da verzichtete ich. Hast du, frommer, weicher Mensch, denn nun in Wahrheit keinen Weiser in dir für das Echte? Daß es nicht genügt, dies und jenes zu tun, weil es sich tun läßt, und es nur möglichst gut zu machen, sondern daß es die Aufgabe ist, auch zu lassen? zu prüfen erst und dann zuzugreifen? Da haben eine Menge Leute Musikdramen geschrieben, die Form des Musikdramas steht dir als praktische Möglichkeit leibhaft vor Augen, und sofort hast du vergessen, was du sehr wohl weißt — sehr wohl, Benno, nach früherer Aussage! —, daß du eine Schande begehst, daß du die Musik, den reinen Engel, erniedrigst und entstellst, indem du sie zu dem einzigen verwendest, wozu sie nicht da ist: auszudrücken! Etwas auszudrücken, was sich auch auf andre Weise ausdrücken läßt, Geräusche der Natur, oder durch Handlung und Wort auf der Bühne! Oder das simpel Menschliche auszudrücken, Leidenschaft, Klage, alldas zufällig Tatsächliche, anstatt das himmelhaft Zeitlose! Aber freilich, du mußt auf das Praktische gerichtet sein, mußt auch Geld verdienen für deine Frau, und darum siehst du nichts als die Verlockung des prächtigen Librettos, und daß es halt Musikdramen giebt, und ergo, daß die möglich sind, und fragst wie der Galizier: Gott über die Welt, warum soll ich nicht? — Und daß es an dir ist, alle zehntausend hundsföttischen Möglichkeiten durchzusieben bis auf die eine, die Notwendigkeit heißt, das — — ah, mein Benno, jetzt schwant mir etwas ganz Böses! Wenn wir dazumal einer Meinung gewesen sind, so waren wir doch nicht eines Herzens, und zwar meintest du das gleiche wie ich, aber du meintest es auf andre Weise! — Das wäre des Teufels.