Und ich, mußte er sich jetzt wieder fragen, bin ich eigentlich anders gewesen? Habe ich geprüft? Nein, bei Gott nicht! Aber wie, konnte ich das ebenso echt empfinden — und doch unrecht haben? Was gab mir denn recht?
Eine Stimme in ihm sagte: Leiden. — Erst glaubte er, sie überhören zu müssen, gab aber nach: das möchte wahr sein.
Und dann, jählings, als habe ihn jemand geschüttelt, so daß alles eben Empfundne und Gesehne von ihm abfiel wie Lumpen, stand er wieder in voller Glut seiner Scham, sah er am herumliegenden Abfall, wohin er abgeirrt war, und daß er der alte war, unabänderlich unverändert der alte.
Eine Nebelwand vor den Augen, das ist das Leben für mich, und dahinter ein dünnes Licht. Was für ein Licht? Das Licht bin ich selber, ich, den ich suche, um den ich mich bemühe, und was mich anleuchtet, ist die Angst, nicht zu werden, zu verlöschen im Alltage. Früher — habe ich mich da schon gesucht? Auch, ja, aber dumpf nur und kaum bewußt. Ich strebte, wohl, ich strebte nach einem menschlich hohen und wertvollen Ziel, und was ich auch vornahm, was ich betrieb —, wenn ich aus der Trunkenheit aufwachte, so hatt ich doch Augen für die Sterne, — Hölderlins und Georges Form, in sie konnte mein Leben doch eingehn und in der Wahrheit lebendig sein, — oh mein Gott, daß ich dies immer wieder vergaß! Das Schlechte erkannt ich doch immer als schlecht, wenn auch nachträglich nur, und ich quälte mich dran, wollt es verleugnen, wand mich am Ende heraus; und das Gute — war es mir jemals ganz gut, war es mir — wirklich? Hatt ich nicht immer die Qualen der Unwirklichkeit, die Reue, daß selber der höchste Augenblick Augenblick war und verlöschen mußte, und sucht ich nicht immer nach — nach — Renate? Und immer wieder vergaß ich Renate und nahm jemand anders, — und zuletzt, da ich zugriff wie ein Taps, so entzog sie sich selber, für immer, und da steh ich und starr’ ins Symbol Renate, hoch und nie zu erreichen.
Dumpf damals und im Dunkel, jetzt etwas heller, in Dämmrung: wäre das wahrlich der ganze Unterschied? Wäre das Hoffnung, daß langsam, aber doch sicher, die Helle zunähme? Daß deshalb Nächte kommen wie diese, wo ein guter Dämon mir Öl ins Feuer der Reue gießt?
Georg wanderte auf und nieder. Augenwinkel und Schläfen brannten von Schlafverlangen, auch peinigte ihn die Unaufhörlichkeit des Nachtsturms, den er immer wieder, nachdem das Tosen der Bäume fernhin versaust war, heranrollen, schwellen, toben, sich im Gewipfel wälzen hörte. — Ich lasse dich nicht, murmelte er sinnverloren, du segnest mich denn! O Gott, mein Gott, diese Einsamkeit! Und wären sie Alle hier, die mich jemals liebten, die Lebenden und die Toten, und könnte ihrer Aller Liebe sich zu einem allmächtigen Leuchtfeuer vereinen —, ich würde es wie einen Sternfunken klein in der Nacht sehn; meine Nacht würde Nacht bleiben. Niemand kann helfen, niemand, niemand, nur Gott.
Und in einer Verzweiflung, stehen bleibend, die Augen schließend, stieß er aus seinem Unglauben die Worte: Gott, Gott, Gott, wenn du bist, gieb mir ein Zeichen, gieb! Laß diesen Sturm sich legen, wenn du bist, und ich weiß, daß ich auch einmal Ruhe finde!
Danach lauschte er lange Sekunden. Der Sturm wurde schwächer, entfernte sich, es grollte von weitem gedämpft, wurde stiller, still. Und dann machte es sich wieder auf und rollte heran, Woge um Woge.
Georg ließ die Arme fallen. Einen Augenblick später saß er plötzlich und schrieb.
Mein Leiden, schrieb er, war und ist noch immer eine Art Cäsarenwahnsinn, nicht der Tat, sondern des Verstandes. So wie jene Kaiser, geboren zu einer Zeit, wo das Leben des Untertans weniger wert war, und erzogen zu dem Herrscherempfinden unumschränkter Gewalt über Leben und Tod, sich über Vorstellung und Leidenschaft hinaus zügellos hinreißen ließen zu den Ausführungen schrecklicher Art, Massenmord, Muttermord, Brandstiftung, was es auch war: so wirkte in mir ein an sich zügellos beschaffenes, durch unbewußte Betätigung ins Unermeßliche und Schamlose gesteigertes Denkvermögen. Mit ziemlich offenen Sinnen versehen, war mir Beobachtung, Ergreifung sowohl aller sinnlichen Vorgänge um mich her, wie der in Büchern erreichbaren geistiger, seelischer, humaner, gesellschaftlicher, natürlicher, künstlerischer Art, immer Vergnügen und leichte Gewohnheit. Die Fertigkeit, Bezüge herzustellen, von einem aufs andre, von zweien aufs dritte zu schließen, ein ähnliches Drittes als erhärtet und verbürgt anzusehn durch Erstes und Zweites, diese Fertigkeit ist nicht nur mir, ist jedem Menschen von Natur eigen, und ich übte sie nach Gefallen. Und das Wichtigste: eine unbegrenzte Ichsucht, schaurig durch Unbewußtheit vertieft, die jeden begegnenden Vorgang, jede Erscheinung des Lebens und noch mehr: in der Lektüre jede Meinung, jedes Urteil innerhalb des ganzen Bereiches des menschlichen Wesens nur in der einen Beziehung auf das eigene Ich, die Wahrscheinlichkeit des selber so handeln, denken, empfinden Könnens oder Wollens oder Mögens aufnahm. Alldies — und gewiß noch andres in Menge mehr — züchtete diese geistige oder nervische Leidenschaft des alles Denkenkönnens; des alles für — nicht nur wahrscheinlich, möglich, plausibel, sondern für wahr Haltens, nicht weil es wahr, sondern weil es so denkbar erschien. In keinem Stoffgebiet, keiner Kunst oder Wissenschaft wirklich zu Hause, keiner menschlichen Weisheit, keiner Wesenheit wirklich auf den Grund gekommen, erregte mich vielmehr gerade die Leichtheit des — scheinbar — alles fassen, umfassen, durchschauen und verbinden Könnens. Es ist ein gealtertes Wort, daß jeder Mensch nur sich herausliest aus dem Buch, das er liest; er ist sich selber der Held eines jeden Romans, und sei der ein Herkules oder Cäsar Borgia.