Mildernde Umstände machen die Tat ebensowenig ungeschehn, wie sie die Schuld aufheben können; mildernde Umstände enthalten recht eigentlich die Erklärung, die Anlässe der Verbrechen, machen sie verständlich, erkennbar. So habe ich etwa die mildernden Umstände für mich, daß ich am Leben bin zu einer Zeit, die ebensolche hervorbringt wie mich; Menschen, die zu einer Zeit ihres Lebens, beim Übergang von der Jugend zum Mannesalter sich im Besitz eines leicht und handlich arbeitenden Verstandes, offener Sinne, leidlich geschulter Logik und der oder jener Begabung oder Kunstfertigkeit sehen, ‚hochbegabt‘, wie man sie nennt, ‚talentiert‘, ohne dabei von einer seelischen Festigkeit, einem innern Ausgerichtet- oder im Gleichgewichtsein, mit einem Wort: von Charakter zu sein, in dessen Händen allein jene Begabungen wahrhaft leistungsfähig, notwendig und gerecht wären. Tausend Dinge ohne innerstes Müssen zu tun, weil sie sich tun lassen, das ist der Fehler. Fertigkeiten zu haben, die das Maß der innern Bedürftigkeit übersteigen, wie das Angebot die Nachfrage auf dem Markt. Mit den Augen größer zu sein als mit dem Magen. Kein Ernst, immer Spiel. Übung der Geschicklichkeiten zu keinem nützlichen Zweck, sondern um der Geschicklichkeit willen. Grammatik Treiben am Homer. Immer jenseits der Grenze des Notwendigen im Elysium alles Möglichen. Keinerlei Beschränkung im Geistigen, Zügellosigkeit, Cäsarenwahnsinn des Verstandes.
Und noch möchte alles das hingehn, blieb es auf sich, auf mich selber beschränkt. Gäbe es nicht Menschen, die bei solcher Beschaffenheit das beschaulichste Leben führen? Und zwar dies, teils weil das Leben sie auf einen Platz stellte, wo kein Handeln, also kein Mitgefühl, kein Denken und Sorgen für Andre von ihnen verlangt wird; teils weil sie niemals darauf verfallen sind, sich selbst zu erkennen. Ich aber war unzählige Male zu einer Zeit, wo ich nicht daran dachte, daß ich es sei: hineingestellt mitten in das menschliche Labyrinth des Wollens, Tunsollens, Unterlassens und der Schuld; bin es heute wie je mit dem einen Unterschied, daß ich nun weiß. Hinderte mich aber am Rechten damals die riesige Wucherung meiner Sinne, meines Verstandes, die mir alles zeigte wie ein Glück, es wahrnehmen und denken zu können, aber nicht rechtzeitig hineinzugreifen und auszuführen: so hemmt mich nun, da ich Erfahrung gewonnen habe, eben sie. Nun bin ich so belastet mit Wissen, wie wenn eine Schnecke ein Haus hätte, das zu schleppen ihre Kraft nicht ausreichte, so daß sie zwar drin hausen kann, aber es nicht hinbringen, wo Nahrung ist. Wußte ich früher nichts und war geblendet durch die Last, Wissen — oder was ich dafür ansah — zu erwerben — und was schien mir nicht erwerbenswert? —, so bin ich nun blind ...
Voll Unmut und Widerwillen schon während der letzten Sätze gegen das Hinschreiben, legte Georg die Feder hin und das Gesicht in die Hände. In diesem Augenblick ging durch die schwere Beklemmung, die ihn erfüllte, ein sanftes Licht. Dem gab er nach, erweicht, und dachte so in schwerer Nachgiebigkeit:
Es ist nicht möglich, Georg, daß es nur dies ist. Es ist nicht möglich — denn es wäre nicht menschlich! —, daß irgend jemand so wie du sich im tiefsten belastet fühlen, im tiefsten unglücklich sein könnte durch die reine Erkenntnis seines Soseins, das Wissen um — psychologische Vorgänge. Alldies ist das Allgemeine; was aber ist das Persönliche, in dem es sich bei dir darstellt? Was ist das Wesen?
Gieb es zu, Georg, gieb es zu!
Es ist die Lüge. Es ist ganz einfach. Wäre es jenes allein, so würde ich wie jeder Andre auch drüber hinwegkommen. Würde es bestehen lassen, würde suchen, es zu verarbeiten, würde aber weitergehn, würde mich nicht, o mein Gott, bei jedem Atemzug so gehindert fühlen am Leben. Gieb zu, daß es die Lüge ist! Daß du scheinst, was du nicht bist. Daß du nicht, so eitel gern du es möchtest, beschlossen bist in dir, unabhängig von den Andern und ihrem Meinen. Denn du stehst an einer offenbaren Stelle, du weißt dich in jedem Augenblick von einer Menge gesehn, bedacht, beurteilt, und was in dir Seelenstoff ist, das steht mit allem Seelenstoff um dich her in Beziehung, und du empfindest auch, was dein Verstand leugnen möchte. Du stehst an sichtbarer Stelle und lügst. Versetze dich in die Andern, betrachte dich selber von außen! Stelle dir eine Bronze vor und dich in dem Augenblick, wo du entdeckst, sie ist Gips und bemalt. Rede dich nicht heraus mit allfälliger höherer Einsicht, die hinterdrein kommen könnte. Den ersten Augenblick nimm: Gips und nicht Bronze! So! Weißt du nun, was du empfandest? Kannst du die erste Enttäuschung verwinden? Nützt es, dir einzureden, daß im besondern Fall Gips zweckdienlicher sein kann als das Edelmetall?
Ich hab keine Kraft mehr! stöhnte Georg und stand auf. Ich kanns nicht mehr erwehren. Ich sehe alles ein. Aber dem wollt ich mein Herz geben, der mir die Kraft gäbe, es zu ändern.
Da, mitten in seine Aufgelöstheit, in Unkraft hinein blühte das Antlitz Jason al Manachs, kaum lächelnd, weiß wie eine Narzisse, und Georg flüsterte staunend: Du Lieber! Sieh, auch du hast mir nicht helfen können! Aber du, o dies ist wohl dein Zauber! du liebst uns, du liebst Alle und alles, liebst, was du ansiehst, und liebst, mit wem du sprichst, mit unwiderstehlicher Liebe, die durchdringt und so süß und milde das Leben macht, solange du bei uns bist ...
In diesem Augenblick kreuzten sich zwei verschiedene Wahrnehmungen in Georg: die eine, daß er Jason so angeredet hatte, als wäre er Jesus; und die andre, daß der Sturm sich gelegt hatte, ja, daß er vor langer Zeit schon verstummt war.
Nicht ein einziger Laut war in der Nacht. Georg stand müde, erschlafft, dachte kummervoll seiner Anrufung des göttlichen Wesens, — hatte Gott doch ein Zeichen gegeben? Der Sturm schwieg. Hatte er wieder einmal nicht warten können und bemerkte das Zeichen erst, als es schon welk geworden war, — nein, er selber welk, es zu fühlen?