Er stützte die Hände vor sich auf die Lehne des Stuhls und suchte nach dem Gefühl, das er hatte, als er zu Gott schrie.
Was sich einstellte, war nun die Frage, was für eine Nacht dieses sei; und gleich die erschreckende Antwort dahinter: die Nacht vom Gründonnerstag zum Charfreitag.
Sein Herz fing an zu klopfen. In dieser Nacht ... In dieser Stunde vielleicht, in dieser Nacht kniete einer am Ölberg, schrie zu Gott, und Alle schliefen, für die er schrie.
Und nun — er wußte nicht, wovon an die Erde hinunter gezwungen, ob von einem überwältigenden Schamgefühl über die Ähnlichkeit, ob von einer äußersten Sehnsucht, zu liegen, zu knien, widerstrebend voll Verzweiflung ließ er sich an dem Stuhl hinunter, kniete, ließ den Stuhl fahren, fiel langsam vornüber, und in dem Augenblick, wo er von Scham übergossen aufspringen wollte, lag er und küßte den Fußboden.
Eine Sekunde später hatte er mit den Kleidern alles von sich geschleudert, lag im Bett und stürzte sich wie einen Stein in den Schlaf.
Renate
‚Der Tod Christi‘, so las Renate in ihrem Zimmer, ‚bezeichnet uns das Größte — nicht in seinem Wesen, aber in seinem irdischen Leben. Niemand ist eines so vollkommenen Todes gestorben. Darum sollst du die Tage seines Sterbens als die heiligsten halten im Jahr, und sie sollen ganz allein dem Heiland gewidmet sein.
‚Zu dieser Versenkung deiner Seele bedarf es einer Überwindung zuvor. Denn es fällt der Seele nichts schwerer, als aus der Gewohnheit ihres Treibens von selber den Übergang in ein größeres Dasein zu finden, und zumal der Geist bedarf des besonderen Antriebs. Darum sollst du zwischen Alltag und Feiertag die Mauer einer Überwindung aufrichten und am Mittag des Gründonnerstags ein vollkommenes Fasten beginnen, das bis zum Samstag in der Frühe währt. Erst wenn es dir vermittels dieses Fastens gelungen sein wird, dein leibliches Dasein zu verleugnen, kann das seelische in dir geboren werden, das nur Liebe ist, und du —‘
Renate legte das Buch hin; ihre Augen flimmerten und versagten, noch eine Weile zuckten die Lettern der väterlichen Handschrift vor ihren Augen und zerflatterten im Lampenlicht; dann waren die Wimpern gefallen, sie saß im Dunkel.
Das erstemal in ihrem Leben fühlte sie die alte Charfreitagsübung versagen. Der Hunger, der sie aus dem Schlaf geweckt hatte, peinigte, ohne daß sie etwas andres empfinden konnte als ihn, es sei denn ihr Frieren. Schaudernd vor Kälte, öffnete sie die Augen wieder, kniff sie, geblendet vom Licht, wieder zu, stand auf, ging und löschte die grell brennende Lampe.