Nun fiel durch die halboffene Tür zum Schlafzimmer der Schein der verschleierten Lampe auf dem Nachttisch, und die Hälfte des Zimmers, in dem sie wanderte, lag im Schatten der Tür. Doch immer wieder, in die Nähe der Türöffnung gekommen, mußte sie anhalten und nach nebenan spähn, in den schmalen Raum, wo nichts war als die kleine gelbe Schleierlampe auf der Platte des Nachtkastens neben dem leise glänzenden Armband mit der Uhr, und vorne das Fußende des Bettes. Ihr war dann, als läge jemand krank in dem Bett, ihr unsichtbar — Jason vielleicht, der vor Jahren dort gelegen, oder ihre eigene Seele, und was hier von ihr rastlos umging in der Nachtstille, war nur ein kranker Traum der sehr kranken. Lange versunken in den Anblick, zog sie dann den Schal fester um Schultern und Arme, machte den Blick — so schwierig, fast wie die an Gedörn verhakten Zipfel eines Kleides oder Schleiers — los von dem Licht und ging auf die Fenster zu, die kaum sichtbar waren im Finstern.
Im Gehen fing ihr rechter Fuß mit der noch aus Italien heimgebrachten Sehnenentzündung sofort Feuer, obwohl sie ihn immer mit ganzer Sohle aufsetzte und nur leicht — weniger ein Schmerz als eine Behinderung mehr zu den andern. Ah, wozu ein Glied schonen, wenn das ganze Wesen sich hülflos verzehrte!
Und zum hundertsten Male, seit sie dies Fasten begonnen hatte, versuchte sie sich aufzurütteln mit dem Gedanken an ihren Vater. Was sie aber denken konnte, war nur, daß sie, solange er lebte, solange sie mit ihm Charfreitage beging, niemals auch nur einen Hauch von Hunger verspürt hatte, so vollkommen gesättigt, wie sie war, von dem unversieglichen, an diesem Tage süßer und herrlicher als alle Tage strömenden Quell seiner Liebe und Weisheit. Und noch die nächsten Charfreitage waren ernst und schön im Geleit seiner niemals gestorbenen Augen, seiner niemals versiegten Liebe. Heute zum ersten Mal war sie allein wie ein Tier und litt Hunger.
Sie fror unablässig. Zuweilen hauchte sie in die Luft, um ihren Atem zu sehn und sich zu beweisen, daß die Nacht wirklich so kalt war, doch zeigte sich kaum ein dünnes Gebilde von Dunst. Nein, diese immer erneuten Wellen von Schauder kamen von innen! Sie ächzte fast weinend. Ich kann nicht mehr! Ich kann nicht mehr frieren! Senkte den Kopf und ging weiter.
Die Stille nach dem vertosten Sturm blieb unverbrüchlich. Zuweilen knackte eine Diele unter ihrem Tritt; im Nebenzimmer, unermüdlicher als sie selber, doch gleichmäßiger, wurde bei jedem Näherkommen das feine Ticken der Uhr hörbar. Ein Fenster stand jetzt offen, nachdem sie es zehnmal geschlossen und wieder geöffnet hatte, schwankend zwischen dem Schauder vermeintlicher Kälte von draußen und dem Gefühl, ersticken zu müssen. Draußen knisterte es dann und wann. Über der See stand ein Frühlingsgewitter, und in Pausen regte sich dort ein dünnes Lichtzucken, lautlos. Oder vielleicht wars ein Blinkfeuer.
Ach, sie hätte auf einem Schiff sein mögen in dieser Nacht, keinem großen, einem kleinen, festen Ding, das mit dem unermüdlich schlagenden Herzen sich durch die schwere See hinarbeitete, ein geduldiges Tierwesen, folgsam und standhaftig. Zu fühlen sein leises eifriges Ächzen, das Knacken und Dehnen seiner Glieder, und daß die schwere Arbeit ihm doch eine Lust war, und immer wieder ein Behagen, den Kopf aus der zusammengestürzten Woge zu heben, triefend, augenlos in das Finstre und doch mit einer Art Lächeln ...
Renate erholte sich an solchen Vorstellungen minutenlang. Sie waren wie Streichholzflammen, an denen sie die gewölbten Handflächen wärmte, heftiger fröstelnd, wenn sie erloschen. Wieder und wieder durchsuchte sie ihr Leben nach ähnlich wärmlichen Bildern, — ach deren gab es zu Hunderten, allein ihre Wärme war kraftlos, drang nicht her bis zu ihr, oder ein Keim Eises war drin, der, aufgehend in magischer Schnelle, einen Schauer von Schnee über sie wölkte. Die Stunden mit Saint-Georges — jede voll Ausdauer und Frieden und Versöhnlichkeit — und in jeder der Keim des Unheils, des Todes, der Unseligkeit. Die Stunden der Friedliebenden Gesellschaft, ach alle zerstäubt und verblasen. Aus Magda, aus Sigurd und Esther, aus Ulrika, aus Irene — was war aus ihnen geworden? Gräber, — und wenn sie in geträumter Lebendigkeit vor Renate erschienen, so hatten sie eine Geducktheit an sich, als schleppten sie unsichtbar ihre eigenen Leichname. Hatte der Tod nicht gewütet um sie her? Und waren sie es am Ende, all diese Toten, die um sie her die Luft töteten mit ihrer Starre, und war darum kein Hauch mehr von Wärme zu finden? Aber Magda lebte, die liebste, und von ihr entströmte doch immer eine unendliche Glut ebenmäßiger Fülle.
Die Müdigkeit zitterte schon in ihr, aber sie wußte, daß sie sich nur hinzulegen brauchte, um wacher und unseliger zu sein als zuvor. Also schleppte sie weiter ihren Fuß, als wäre ein Gefäß voll Gluten daran gebunden, das sie mit Vorsicht bewegen mußte, nichts zu verschütten. Die Gedanken gingen ihr aus.
Wieder das Fenster schließend, bildete sie sich ein, sofort die Zimmerwärme zu spüren, und stand so eine Weile, die Hände leis reibend, vor dem dunklen Glas und dem eigenen, eben erkennbaren Widerschein darin, bis aus der Bewußtlosigkeit eine Stimme sie zu sich rief, die hinter ihr melodisch laut ward mit den Worten:
„Es kommt alles nur von der Wärme und der Kälte ...“