Nur wenig erschreckend, wandte sie sich um und merkte, daß sie in ihrem Zimmer daheim war; daß die Lampe auf dem Schreibtisch brannte — und jetzt, daß in der Türöffnung zum Schlafzimmer eine nicht eben große Gestalt in einem rosenfarbenen Kleide stand: Ech-en-Aton, der König.
Er sah ruhig umher. Sein kleines Antlitz war weiß wie Apfelblüte mit rosigen Hauchen; fast unsichtbar das helle Blond des Haars, die Augen von fast nächtiger Bläue. Der Kleidrock von glanzloser Rosenfarbe stand in jener rhomboiden Form, die Renate von den alten Bildern her kannte, unten, zwei Hände breit über den nackten geschlossenen Füßen ab, und ein kurzer Kragen von gleicher Farbe bedeckte Schultern, die Brust und die Arme. Plötzlich erschrak sie doch, da er sie ansah, sie durchdringend mit dem Blick, der nicht von ihrer Welt war. Aber er lächelte, und schon machte es sie glücklich, ihn, diesen Göttlichen, so menschenhaft zu sehen und das Königliche, zur Schau getragen weder in Haltung und Miene, nur in so unbeschreiblicher Weise vorhanden an ihm wie die Unschuld im Auge eines Kindes. Und wieder doch verging sie fast, als jetzt unter dem Mantelkragen ein lebendiger Arm zum Vorschein kam, eine zarte, längliche Hand sich erhob und in die weißen Falten des Vorhangs über seinem Haupte hineingriff. Ach, sie hätte der Samt sein mögen, jetzt!
Er sagte, langsam sprechend, mit tiefer Milde:
„Ängstige dich doch nicht, Schwester! Sorge dich doch nicht um dein Leben, Schwester! Liebe Seele, habe Geduld! Süße Vollkommenheit, du darfst mir nicht zerblättern! Sei ruhig! Sei weise! Da bin ich ja! Ich will dich trösten! Wir wollen zusammen sein und etwas sprechen ...“
Renate hatte sich so weit gewonnen, daß sie etwas sagen konnte von ihrer Beglücktheit und Überraschung, was er freundlich anhörte, ohne zu erwidern. „Setz dich nur!“ sagte er dann, „ich stehe lieber; ich stehe gern.“
Sie nahm einen Stuhl am Tisch. Seine zarte, farbige Gestalt war dem lichten Raume umher schon so natürlich geworden, als hätte dessen vorher unsichtbares Wesen nur diese Gestalt angenommen. Renate bebte fast im Verlangen, nur die Mildigkeit seiner Stimme wieder zu hören, die sich ihr einflößte wie ein himmlischer Trank, wärmend, bezaubernd und doch nicht berauschend. Da sprach er auch schon.
„Sprechen wir vielleicht von diesen Dingen, der Wärme und der Kälte, die dich so bewegen. An ihnen läßt sich ja alles erklären, und um zu erklären, bin ich gekommen. Man muß wohl die Geduld verlieren unter den Menschen, wenn man nicht wie ich in die Unveränderlichkeit eingegangen ist. Da nahm ich unter den stillen Geschwistern deiner seit langem wahr, und da du nun meiner so sehr bedarfst — sieh, da bin ich!“
Renate fiel ein in sein Lächeln und löste sich darin — ihr deuchte mit einem Harfenton.
„Erinnern wir uns einmal daran,“ begann er still, „was du gelernt hast. Licht und Finsternis hast du gelernt, die Urzustände.
„Licht und Finsternis. Aber du wirst gleich begreifen, daß dies falsch sein muß, wenn du nur bedenkst, daß Nacht eine örtliche Erscheinung ist. Überall ist die Sonne. Nur dich verläßt sie zuzeiten.