„Die Schlaflose — immer irgendwo ist die Sonne, die alleine der Anbetung würdig ist.

„Bedenke nun Wärme und Kälte. Es ist Winter, nicht wahr? Es stürmt bei dir in dem Norden, es schneit, die Sonne blickt vor, aber es ist doch nicht warm. Sommers aber, der Himmel ist bewölkt, Regen fällt, die Sonne ist nirgend, und dir ist doch warm genug, unter leichter Decke zu schlafen.

„Oder das Wasser. Es ist Juli, die Fläche des Weihers glüht, — du aber, Kühlung bedürftig, tauchst die Hände hinein, und sieh, du erfährst eitel Kaltes unter der Glanzhaut der Glut.

„Also sieh an, du kannst dir Kälte und Wärme bereiten, wann du willst, Nacht und Tag aber kannst du dir nicht bereiten, ob du tausend Lampen entzündest oder die stärksten Mauern errichtest, denn immer wo sie sein will ist die Sonne.

„Wärme und Kälte dagegen können überall sein zugleich, an tausend Stellen unter der Sonne, und was heißt das? Es heißt, daß die ganze Erde ein Gemisch ist von Warm und Kalt. Kannst du dir vorstellen, es gäbe ein ähnliches Gemisch von Dunkel und Licht? Licht mit schwarzen Stellen oder umgekehrt? Gewiß nicht.“

Er schwieg eine Weile und schien zu bedenken, wie er fortfahren solle. In Renate war jedes seiner Worte eingegangen wie eine Flocke reiner Süßigkeit; sie war schon erfüllt davon, wußte sich aber unendlich an Raum und Verlangen nach mehr. Wenn der Saum seines Rockes bebte, bebte sie mit, — so war ihr ganzes Wesen an das seine geschlossen.

Der König fuhr fort:

„Vom Leibe sprachen wir bisher und den leiblichen Wahrnehmungen, aber uns beschäftigt die Seele. Daß auch sie ein solches Gemisch ist, wie wir erkannten, das weißt du; ein Gemisch zweier Richtungen, zweier Triebe, die du gut und böse zu nennen gewohnt bist nach ihrer Wirkung. Da nun auch hier im Gebiet der Seele, einer andern Erde, nicht Nacht herrschen kann mit Flecken des Lichts, wie wir sahen, so muß es wohl auch das Kalte sein und das Warme.

„Und willst du noch einen Beweis? Erinnere dich, wo warst du, bevor du geboren wurdest?“

„In der Mutter“, sagte Renate.