Renate sagte: „Wer an mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe.“
Der König leuchtete seltsam auf, und höher erscheinend, auch die andre Hand hebend, sagte er wie einen Gesang:
„Jesus von Nazareth, der Christus. Er kam und sagte: Hier ist mein Blut! Hier wohnt deine Seele. Du sollst warm sein, sprach er, dann fühlst du, daß eine Seele in dir ist, und du hast den Himmel auf Erden. Und: Seid wie die Kinder, sagte er, — und nun — was giebt es Wärmeres als ein Kind?“
Es rieselte in Renate. Der König lächelte tiefer, bis das Lächeln im Sinnen verging, er die Lider senkte und leiser fortfuhr:
„Wenn ich auf meinen Terrassen stand, im Antlitz die brennende Wüste, im Antlitz das große Goldbrodeln der Höhe ... Wenn alles erwarmte in mir, in mir erglühte der süße, der flutende Baum aus Purpur, tausendästig — dann wußte mein ganzes Wesen vom Scheitel bis zu den Füßen: Es ist das Blut!
„Sie verstanden mich kaum, — sie gehorchten nur —, wann hätten sie jemals verstanden? Sie zerstörten meine Stadt, sie zerstörten meine Bilder, aber sieh dort!“ Seine Augen winkten zu seinem Bildnis hinüber. „Sie konnten mich nicht zerstören, und ich bin ewig.
„Ach, auch Ihn, den ganz Warmen, verstanden sie nicht! Nehmet und esset, sagte er, und sie glaubten, sie müßten nun Menschenfresser werden und seinen Leib vertilgen wie den des Viehs. Wein gab er und setzte ihn gleich dem heiligen Blut, und sie verstanden nichts, sondern begannen einander totzuschlagen um der Frage willen, ob sie trinken dürften oder nicht.
„Sie sagten: Gut und Böse und Vergebung der Sünden. Ich sage: Kalt und Warm.
„Und wer ist gut? Der warm ist, der warm hat und jedem die Wärme gönnt, und für jeden die Wärme will. Für sich Wärme wollen und die eines Andern nehmen, — meinst du nun, das wäre das Böse? Ach, das ist das Menschliche nur, der alte Trieb, die Gier nach der Wärme und nur Übertreibung. Dies ist nur schädlich. Alles was schädlich ist, kommt aus dieser Übertreibung. Nimm einem die Wärme, so schadest du ihm — und wem noch? Dir. Denn woher kann Wärme allein kommen? Aus dir. Siehe noch einen Beweis, daß nicht Dunkel und Licht, daß Kälte und Wärme die alten sind und die einzigen. Denn kannst du Dunkel empfinden am hellen Tag? Nein, aber hast du noch nie gefroren in der Mittagsglut? Wann ist das gewesen? Wenn du dich schuldig fühltest. Was kommt aus dem Dunkel? Das Traurige, die Verlassenheit, der Gram. Das ist nichts Böses. Das ist nur eine Art Leiden, nur eine. Wenn du Schlechtes getan, wenn du Schaden angerichtet hast, dann fröstelt es dich, nicht wahr? Glaubst du, dich fröstelt aus Bosheit? Nein, in dir friert die dem Andern geraubte Wärme, und dich friert, weil du dir genommen hast, was du als Pein empfinden würdest, wenn man es dir nähme. Du hast nur übertrieben, hast nur Wärme genommen oder gedacht, sie zu bekommen, anstatt sie zu bilden. Bekamst du sie? Kannst du Feuer nehmen und dich daran wärmen? Ja, aber lege das Feuer fort, und dir ist wieder kalt.
„Nun aber denke folgendes: Du liegst im Bett und dich friert. Wie kannst du dir helfen? Mit Kissen und Decken. Sind solche warm an sich? Befühle sie oben, wenn du darunter liegst und schon glühst; wie fühlen sie sich an? Eisigkalt. Aber so beschaffen sind sie, daß dir warm wird, — solchen Charakters sind sie, daß sie dir helfen, Wärme zu bilden!