„Und weiter nun: Ist ein Mensch an sich kalt oder warm? Nicht das eine noch das andre, aber was kannst du tun? Du kannst ihn benutzen, um in dir Wärme zu erzeugen, und du kannst dich benutzen, ihm warm zu machen. Und dies ist das Leiden: nicht warm sein! nicht warm sein können!“
„Ach,“ sagte Renate, „das meine!“ erfreut, es zu wissen. „Aber,“ setzte sie hinzu, „dann gäbe es gar keine Bosheit?“
„Wie? sie gäbe es nicht?“
„Sondern nur Leiden. Nicht warm sein können.“
„Vielleicht. Aber meinst du nicht, daß es eine noch fürchterlichere Art der Übertreibung giebt? Die Übertreibung bis zur Bosheit; das: nicht Maß halten können, welches ist: nicht warm sein können und auch nicht warm sein wollen.“
„Wörtlich, gewiß. Denn er war der Abtrünnige aus Gottes Wärme, und der sich Verhärtende in der Kälte, welcher trotzte in seiner Teuflischkeit, sich erstarrte, und übertrieb. Und was mußte er wollen in seiner Maßlosigkeit des nicht warm werden Wollens? Daß nirgends mehr Wärme sei, daß niemand mehr Wärme habe, alles erstarre, und wo er also eine Wärme betraf, da schleuderte er die Eislanze hinein, sie, den Zweifel am Warmen, den eisigen Zweifel am warmen Glauben, den fröstelnden, der um sich frißt wie der Frost in der Märznacht, und am Morgen schaudert dichs vor der ergrauten Natur. Und was ist Altern? Nicht mehr jung sein können, erkalten, ergrauen, ergreisen, vereisen, sterben.
„Er fiel ab aus der Liebe. Was ist Liebe? Wärme zu bringen, glaubst du? Ach nein, sondern sie ist: Wärme zu bilden. Liebe! so ist dir warm. Liebe entzündet sich an der Liebe wie Licht am Licht, darum sollst du die Kalten nicht lieben, nicht sie, die Tausend, die Toren, die nicht warm sein wollen. Aber wo der Keim eines Willens zur Wärme ist, da lege dich über ihn mit deiner ganzen, nähre ihn, ziehe ihn gläubig groß! Frage nicht! Fragt auch die Sonne? Wen erwärmt sie? Der sie liebt, sonst keinen. Heut aber lieben sie das Kunstlicht aus den Nachtschächten der Erde. Was wird er, der sie liebt? Fruchtbar. Fruchtbar wird, der sie empfängt, der Wärme bildet aus ihr wie die Erde. Weißt du aber, ob nicht auch der Felsen der Einöde sie liebt und es dauert nur länger? Klagte nicht Memnons Säule bei Abend- und Morgenrot? Das ist die Klage der Welt: Oh Morgenrot, und ich werde nicht erwarmen können! Oh Abendrot, und ich blieb kalt!
„Dies aber ist Bosheit. Die Bosheit des menschlichen Herzens. Dies ist der Böse, der niemandem Wärme gönnt, die er selbst abgeben müßte; der lieber selber erstarrt in dem Frost, nur um nicht abgeben zu müssen. Der immer Wärme verlangt und nicht geben will. Ach, die uralte Eisestorheit der Erde! Wie denn ists mit dem Sünder? Er darf bereuen und wieder in Wärme gelangen. In sich gehn, heißt es darum von dem Sünder; innen ist die Wärme zu bilden. In sich gehn, dorthin, wo es warm ist von Urbeginn, kann der Mörder, der Betrüger, der Seelenverkäufer, der nur Wärme für sich wollte und Kälte bildete, ihm kann wieder warm werden, aus innen, wenn er an Wärme glaubt, wenn er einsieht, daß sie sich nicht gewinnen läßt von außen und nicht durch Übertreibung. Bereit sein ist alles. Schwester, warst du nicht bereit? Denn wo ist der ewige Quell? Im Herzen. Und wo wohnt Gott? Im Herzen. In keinem Himmel, in keinem Draußen. Draußen ist kalt, und der Himmel ist kalt. Von keiner Sonne saugt kein Mond einen Tropfen der Wärme, er bleibt kalt, tot, erloschen, unfruchtbar. Glaubst du, sie erhalte von der Sonne ihr Warmes, die alte Erde? Warum ist denn sie fruchtbar, der Mond aber nicht? Nein, sondern weil ihre Beschaffenheit so ist, daß sie Wärme bilden kann, darum ist sie fruchtbar und nicht der Mond. Sie erschuf sich meinen ewigen Nil, und sie erschuf sich den warmen Menschen, sich zu bedecken mit seiner Wärme, sich helfen zu lassen zu ihrer Wärme im Segen des Ackers.
„Nicht Gut ist, nicht Böse. Fruchtbar ist und das Unfruchtbare. Auch Schädliches wuchert in der fruchtbaren Erde dazu, und es hat sein Gutes an sich, sein warmes Leben, seine Lust an dem Licht, seine Sehnsucht nach Morgen, seine Angst vor dem Frost, sein Erwarmen und Erkalten, Erglühn und Erlöschen, sein Wachstum und seinen Tod. Es ist nicht unfruchtbar deshalb. Unfruchtbar allein ist das Böse; böse allein ist das Unfruchtbare, das nicht fruchtbar werden will, und du, meine Schwester, bist gut.“