Im Schweigen der Glocken — hören sie Alle — ängstlich und deutlich — das schwellende Dröhnen — der kommenden Flut.
Als ich heute an der offenen Türe des Kuhstalls vorüberging, fuhr ein unsichtbarer Arm mitten aus dem Mistgeruch auf mich zu, packte, schwang und stellte mich mit gewaltigem Schwung über mehr als drei Jahre hinweg auf den Helenenruher Wirtschaftshof, in einen Sommertag, in den Tag, wo ich meine Kindheit verlor.
Das weiß ich heut, daß ich sie damals verlor. Der Tag wars, wo Bogner gekommen war, wo das mit Jason geschah, wo ich nachts in Annas Zimmer war. — Noch sehe ich die gelben Orpingtonhühner auseinander stieben, sie erschraken vor Unkas, und da geht Unkas tappend auf die Tür seines Stalles zu, und ich selber stehe da und — ich vergaß, was ich dachte, aber — es scheint mir ein Vorspuk gewesen zu sein, ein Aufdämmern vor dem gänzlichen Erwachen. Das kam in der selben Nacht, da lag ich auf der Wiese am Parkrand, nicht weit von der Stelle, wo ich am Morgen gelegen hatte und zu mir gekommen war aus dem Sonnensieden wie aus brodelnder Geburt. Da lag ich am Boden und fühlte das Tragen der Erde, sonderlich heimatlos und kühl war mir zu Sinne, ich wußte — ja, was wußte ich wohl? Daß ich nun alles wußte, das wars.
Heiliges Kindheitsland, wo bist du? — Zurecht fallen die Verse mir jetzt ein, die ich in Helenes Mappe fand. Als ich sie dichtend empfand, da dichtete Erinnerung in mir, Erinnerung an jene Nachtstunde am Parkrand, wo ich mich erkannte, weil ich das Weib ‚erkannt‘ hatte; wo meine Kindheit ein Ende nahm. Und doch, als ich diese Worte im Gedicht empfand, — wie dumpf noch, wie unwissend, wie nur abgehorcht einer unverständlichen Geisterstimme, und freilich echter vielleicht darum, echter gedichtet als das meiste sonst. Heute erst weiß ich ganz.
Unkas aber mit seinem tastenden Gang, die Hühner, die tafelnden Arbeiter im Hof: diese waren mein erster wacher Blick, meine erste Beobachtung. Während es dämmrig in mir selber blieb, begann ich Bilder in mich zu füllen unermüdlich, deren schillernde Buntheit mir das Innre magisch zu erhellen schien. Immer genügte die Anschauung, und sooft ich es selber sein mochte, an dem ich Beobachtungen machte, so genügten mir auch sie, und zu Erkenntnissen dehnte ich sie nicht aus. Auch das Bild Emmaus beobachtete ich wohl und verstand es ästhetisch genau, und mir selber in jener Nacht brannte das Herz vom Zuspät. Heut weiß ich seinen Sinn, heut, wo es zu spät geworden ist.
Doppelt erregt, von hundert Bildern seines vergangenen Lebens aus der Aufzählung der Erinnerungen, und von dem heftigen Gefühl, daß gleichwohl nicht er dies geschrieben habe, sondern ein Fremder, der erstaunlich viel von ihm wußte, schloß Georg aufatmend das Buch.
Nein, sagte er mit Entschlossenheit, ich bin das nicht mehr. Das ist ja schrecklich, diese Augenjagd nach Kleinem und Kleinstem, in der Aufzählung mit drangeknüpften Nutzanwendungen wie hier ja ganz reizvoll, aber war das der Zweck des Erlebens? — Und er sah sich selber herumfahren wie einen schillernden Argos mit zehntausend apokalyptischen Augen. Seine eigenen Augen gingen ihm über dabei, — aber jetzt, da er die Lider schloß, kam etwas aus dem Dunkel; eine dunkelblaue Brust im Anzug, Schlips und Kragen, und nun das Gesicht seines Vaters, Bart und Haar, Wangen und Brauen und endlich — Georg erbebte — auch der Blick der gestorbenen Augen. Alles dies aus der wirbelnden, einzig beglückenden Stunde am Vortage jenes achtzehnten Geburtstages, eingebrannt in die Luft, um ihm jahrelang immer wieder zu erscheinen. — — Im Nu war das wieder verschwunden, aber Georg, schmerzlich ihm nachblickend, während vor seinen wiedergeöffneten Augen Fenster und Dach erschienen, fragte sich schwer und gebunden: Deshalb? Deshalb das tausendfache Schaun, damit dies gesehen wurde und haftete?
Er wartete horchend, aber es kam nichts weiter, und er erhob sich nun hastig, ging ins Nebenzimmer, wo er mit Egons Hülfe, auf Umkleiden verzichtend, festere Stiefel und Gummimantel anzog, ergriff Hut und Schirm und eilte hinunter.