Georg, nicht recht begreifend, warum er einen kleinen schneeweißen Eisberg in einem blauen Wasser schwimmen sah, raffte sich auf, sie zu überzeugen, aber der Streit schien bereits entschieden, und er konnte sich nun wundern, die Anna in ihrem hellroten Kleid, den Mantel am Arm, zwar irgendwie unsicher, aber ganz allein den Weg hinabgehen zu sehn.

„Kann sie denn sehn?“ fragte er ungläubig.

„O ja, heute ganz gut!“

„Darf ich mich zu Ihnen setzen?“

„Gern!“ Und Renate zog ihren Mantel, auf dem sie saß, weiter auseinander neben sich, denn die Bank war ganz naß.

Georg schloß die Augen, erquickt vom Gefühl des Sitzens.

Eine Lust schnellte jetzt in ihm auf wie ein Hund hinter der Hoftür, eine Begier, zu reden über irgendwas, da er sonst denken mußte, und schon hatte er sich an der Banklehne hin zu Renate hinübergelehnt und schwoll über.

In diesem Augenblick glaubte Renate zum ersten Mal, seit sie ihn kannte, die Leibhaftigkeit Georgs, seine wirkliche Nähe zu spüren. Früher — wieviel ferner als alle Andern war er ihr allzeit gewesen, ein junger Mensch, den sie nicht verstand, fremdartigen Wesens, abgeschlossen von ihr. Während sie ihn sprechen hörte, stellte sich deutlich Erinnrung an seinen Vater ein. Was erinnerte denn so sehr an ihn? Es war — Magda hatte es getroffen — etwas Fürstliches da, eine Unbändigkeit und Überlegenheit. Freilich — seine Mundwinkel hatten ein Verächtlichkeitszucken, das ihr zu häufig kam, als daß es ihr ganz echt scheinen konnte. Aber sein Auge war klar, zumal in Pausen, wenn er schwieg und weithin blickte; dann hatte es einen Glanz von Unerschrockenheit, von Stetigkeit und — sie fühlte ein innres Erröten, als sie es dachte — fast von Wärme, wenn er sich nun zu ihr wandte. Warum nur lärmte er so? sprach schallend laut und machte heftige Gesten? Ja, auch das war wie beim Vater ...

„Ja, nun sehen Sie mal, teuerste Renate, da haben wir Charfreitag. Ein schöner Tag offenbar, ich bin ganz erstaunt. Denken Sie an, ich habe da drei Wochen bis über die Augen in Geschäften gesessen und nicht bemerkt, daß es Frühling ist. Aber so geht es mir immer. Passen Sie mal auf!“ Er redete nun immer freier und sorgloser, in schnellender Erleichterung von Satz zu Satz. „Ich will Ihnen mal genau sagen, wie sich das mit mir verhält. Vor ungefähr vier Jahren hatte ich folgenden Traum. Ich stand in einem Theaterparkett, nicht wahr; auf der Bühne war ein glänzender Festzug, ich sollte eigentlich mitwirken, nicht wahr, aber die Menschen ließen mich nicht hin, und ich schrie, nicht wahr, Sie verstehn, wie das so ist im Traum, und ich schrie jedenfalls: Ich komme nicht hinein. Komisch, was, aber wir können so weise werden wie Salomo, wir träumen doch immer wie die Esel. Übrigens war dieser Traum eben nicht so dumm, barg vielmehr eine Wahrheit am tiefen Grunde, wie der Dichter sagt, und was meinen Sie, wer förderte sie zutage? Natürlich Ihr leider verstorbener Vetter Josef. Was sagte er nämlich, wie legte er es aus? Ganz einfach, nicht wahr, nämlich — ich käme bei Gott nicht hinein, in die Gegenwart gewissermaßen, Sie verstehn, was man so ‚das Leben‘ nennt. Ja, Sie lächeln, Renate, aber nun ist es wahrhaftig eingetroffen. Im Allgemeinen und im Besondern. Soll ichs beweisen? Ich meine —, ich weiß ja nicht, ob es Sie —“

„Sehr, Georg, sehr doch! Ich habe ja viel an Sie denken müssen, seit Sie Herzog sind, und —“