„Das wird ein schöner Schlamassel werden, nicht wahr? Haben Sie das nicht gedacht?“ rief Georg, bog sich nach hinten und lachte schallend.
„Nicht ganz, Georg, aber daß es sehr schwer —“
„Schwer? Was für’n Unsinn, Renate! Wie kann so was schwer sein? Das ist genau wie mit dem Dichten, meinen Sie, das wäre schwer? Der Eine kanns immer, der Andre kanns nie. Ich gehöre zu denen, die es nie können“, schloß er überzeugt.
Georg schwieg. Minutenlang schwieg er, aber während dieses Schweigens sprach er ganz andre Worte zu ihr als im Augenblick zuvor. Er sagte, langsam und nachdrücklich Wort für Wort und ohne die Fürstenpose, die er sich angeformt hatte, ohne selber zu wissen wie; er sagte:
Sieh, Renate, wie das mit mir ist! Zwischen den Menschen und mir ist etwas wie ein Schleier; nicht einmal Schleier, — nur Glas, durchsichtig, und scheinbar ist gar nichts da, und doch ist es etwas, das den geraden Blick bricht, so daß er nicht eindringen kann in ihr Sein. Das ist die Lüge ...
Hier brach er ab, dachte trocken und heiß: Warum sag ich es nicht? Warum leg ichs nicht einmal in eine fremde, in ihre Hand, daß sie’s weiß, daß sie — ja, daß sie nur etwas näher zu mir ist, als daß wir nun sitzen als Unbekannte und reden, was ebenso gut und was besser ungeredet verbliebe?
Georg bemerkte, daß genug geschwiegen war, besann sich und begann von neuem so wie vorher.
„Also ich wills Ihnen beweisen! Zum Beispiel folgendermaßen, nicht wahr, ich will beispielsweise reden. Sie wissen, Ihr Vetter Erasmus hat, wie auch früher mein Vater, und nach dem Vorgang von Abbe in Jena, die Einrichtung getroffen, daß die Arbeiter seines Unternehmens am Einkommen beteiligt sind. Nun, herrlich, nicht wahr, menschenfreundlich und gerecht. Und was kommt heraus? Ein jeder Arbeiter, nicht wahr, hat sein Stück Geld auf der Bank, ist, mit einem Wort, ein kleiner Kapitalist. Ist aber damit ein Übel beseitigt? das Grundübel, der Kapitalismus? Tausend Menschen sitzen mit Goldplomben in den Zähnen, und da giebt man den Übrigen auch welche, das ist die Geschichte. Ja, sehen Sie doch, der steifste Reaktionär könnte ja nichts Besseres tun, um der sozialdemokratischen Arbeiterschaft den Mund zu stopfen, denn wer satt hat, der ist zufrieden, das ist so alt wie Jerusalem. Ja, aber meinen Sie, das könnte mir passen? Da sehen Sie also, daß bei Menschenfreundlichkeit nichts herauskommt. Also, wie greif ichs an, wie komm ich hinein, da ich auf einer ganz andern Grundlage stehe?
„Oder ein andres Beispiel. Ein Dichter schickt mir da seine Verse mit der ergebenen Bitte, ihm zum Abdruck zu verhelfen. Dummes Zeug, nicht wahr, das sich reimt, na, aber das ist Zufall, sie könnten ja gut sein. Was tu ich? Laß ich diese drucken, so kann jeder kommen, ich muß einen Verlag aufmachen, das geht nicht. Aber, da ich nun mal die Aufgabe habe, im Einzelfall den Mangel der Gemeinschaft zu erkennen, was tu ich? Ich denke nach, nicht wahr, über diese besondre Gemeinschaft der Dichter, die keinen Verleger finden, oder wenn auch, nicht genug zum Leben bekommen, und was fällt mir ein? Folgendes, nicht wahr? Alle Dichter höheren Grades, eben jene, die es am schwersten haben, tun sich zusammen und geben ihre Werke gemeinsam heraus. Was geschieht? Diese Werke kauft niemand; da sie gut sind, niemand. Was muß der Dichterverlag m. b. H. tun, um sich über Wasser zu halten? Muß noch andre Werke herausgeben, die gehn, Kunstbücher oder Schmarren oder so, was Sie wollen, mit einem Wort: sie müssen einen richtigen Verlag gründen, den Konkurrenzkampf aufnehmen, und so weiter. Können sie das? Gott bewahre, sie sind Dichter, sie müssen also einen Geschäftsmann an ihre Spitze stellen, einen Verleger, der es macht wie die Andern, und was kommt zutage? Ein Verleger mehr zu den alten. Oder aber, ich muß einspringen, muß den Verlag unterstützen —, ja — na, da kann ich grad so gut dem Einzelnen helfen, der zu mir kommt, und wir drehn uns im Kreis wie die Schafe mit Littiti.
„Oder drittens, um zum Kern der Sache zu kommen. Ein Schuldirektor überreicht mir in Audienz ein dickleibiges Manuskript: Umformung des gesamten Schulwesens. Schön, nicht wahr, des gesamten, der Kerl, denkt man, fängt die Sache am Grunde an. Ich fange an zu lesen, nicht wahr? Übrigens ein geistvoller Mann, wie Herder, nur praktischer. Also ich lese zwanzig Seiten und habe folgende Vision. Ich lege das Buch meinem Kultusministerium vor. Das sagt: Ausgezeichnet, und streicht mir die Hälfte weg. Die verbliebene Hälfte, nicht wahr, leg ich vor den Landtag. Der sagt auch ausgezeichnet und streicht wieder die Hälfte. Das verbliebene Viertel geht an die Schulbehörde, und da sickert es nun über die Inspektoren zu den Direktoren, zum Lehrkörper endlich, und allda wirds ein Pensum. Da sitzen in allen Klassen diese braven und unbraven Berufsmenschen, die fünfzig Karpfen und drei Hechte in die Schleuse der Versetzung zu treiben haben, und was meinen Sie nun, ist inzwischen aus der glorreichen Umformung meines Herders geworden?