Er verstummte, jagend nach der Erinnerung durch hundert Bildstücke seines Lebens, und mit einer Erleichterung endlich traf er auf Bogners gutes Gesicht und hörte ihn die Worte sagen: Und das sind denn wohl so die Dinge, von denen man reden kann. Wann? Wann? Hier, in Helenenruh, am Ende auf dieser Bank? Nein, in einem Zimmer war es, im Gastzimmer. — Georg sprang auf und starrte die Bank an, fühlte indem die Hand Renates an seinem Arm, sah aufblickend ihre Augen, lächelnd in einer beängstigend süßen Besorgnis, und stammelte eine Entschuldigung.
„Haben Sie“, fragte er, „das einmal erlebt, daß man glaubt, sich an ein andres, ein Leben vor diesem zu erinnern? Aber nun weiß ich schon, es waren nur Worte Bogners, die ich eben brauchte. Vor drei Jahren — —“ Er brach ab. „Soll ich Sie ins Haus bringen?“
„Ja, aber auf einem Umweg bitte. Wirklich, es ist nicht so schlimm für meinen Fuß,“ bat sie, „ich möchte so gern ein wenig gehn und auch mehr von Ihnen hören. Sagten Sie nicht, im Besondern und Allgemeinen? Ja, dann müssen Sie mir schon das Allgemeine auch noch beweisen, und dann — dann werde ich Ihnen einen Rat geben!“
„Das wäre herrlich! Also gehn wir!“
Er nahm ihren Arm wie zuvor und führte sie an der Bank vorüber, weiter am Teich hin, um auf einen der Wege zwischen die Wiesen abzubiegen.
Renate (Fortsetzung)
Georg brachte seine Sprachmühle laut klappernd wieder in Gang.
„Ich sagte, glaub ich, schon mal, daß ich fertig wäre. Das heißt, ich habe mich abgefunden mit dem hier, dem sogenannten Ich. Man bastelt überhaupt viel zuviel dran herum, weniger wäre mehr, wie immer, aber — nun, was ich sagen wollte: heut morgen auf einmal wach ich auf, und kaum daß ich merke, ich bin für diesen schönen Charfreitag mir selbst überlassen, was fällt mir ein? Daß ich keinen Glauben habe. Oder das Christentum. Ja, ganz so sehe ich das auf einmal vor mir, als hätte ich das versäumt. Nun sagen Sie, Renate, Ihr Vater war doch Pastor, und Sie — verzeihen Sie die Frage! — Sie sind doch fromm? Ich fände wenigstens — es wäre schön, wenn Sie fromm wären ...“
Renate, die ihn nicht ansah, fragte, etwas tonlos, wie ihm schien: „Warum meinen Sie das?“
„Warum? Ja, erklären läßt sich das kaum ... Aber — eine gottlose — ich meine: wirklich gottlose Frau, nicht wahr, das erschiene mir schlimmer als eine Betrunkene. Ja, sollten nicht alle Frauen Priesterinnen sein? Bei den Germanen galten sie doch wenigstens als heilig, und — auf den Glauben, auf den Gott käme es vielleicht weniger an als — eben auf das Frommsein. Irgendwie Gottheit verwalten, einer Gottheit dienen, sei es Astarte, wenn sie glauben könnten an Astarte, aber — das ist ja freilich, was immer fehlt: der Glaube. Und Sie — Sie glauben aber an Gott?“