Er war bei diesen Worten mit ihr stehen geblieben, da sie an das Gatter neben dem Eichenwäldchen gelangt waren. Sich los von ihm machend, trat sie davor, legte eine Hand darauf, und während sie über das Land hinzublicken schien, sah Georg von Schatten ein ganzes Heer über die lichten Gefilde dieser Züge fallen. Wieder und wieder wollten sie aufglänzen, fast sich schüttelnd darunter hervorkommen, der Mund bewegte sich häufig, die Winkel bebten; mit einer Anstrengung machte sie sich endlich frei von den inneren Vorgängen und sagte mit rauher Stimme:
„Was wollten Sie denn wissen?“
Etwas beschämt, dies gesehen zu haben, und beklommen, da sie seine Frage nicht beantwortet hatte, schwieg Georg. Indem näßte ein Tropfen seine Stirn, und er bemerkte, daß Land und Himmel sich verdunkelt hatten. Der Himmel war wieder schwer grau, auf den zum Deich ansteigenden Wiesen wehte das Gras heftig, schon fiel ein feuchter Schauer von oben. Georg hängte Renate hastig ihren Mantel um die Schultern und sagte: „Ins Haus kommen wir nicht mehr, aber ich weiß hier einen Unterstand!“
Sie folgte stumm, scheinbar ganz willenlos am Wäldchen hinunter, bis Georg, in das Unterholz einbiegend, voranging, um die tropfenbehängten Zweige auseinander zu schlagen. Nach wenigen Schritten stand er vor einem riesigen Eichenstamm ohne Krone, in dem eine fast zwei Meter hohe Höhle in Dreieckform klaffte. Er ließ Renate eintreten, es war Raum in dem warmen mehligen Innern genug, daß auch er selber drin stehen konnte, und so standen sie eine Weile, wortlos, lauschend, wie der Regenschauer von hoch oben in den Wald einfiel und hier und da prasselte auf den jungen Blättern.
Tiefer ins Innre der Höhlung tretend — während Renate am Eingang eine Schulter anlehnte, ins Freie blickend —, sah Georg mit nicht geringer Beklommenheit in die enge Wölbung empor, die sich in der Höhe in Nacht verlor. Durch einen fensterartigen Spalt über ihm in der Rückwand sickerte Licht. Das ist eine Kapelle! dachte er, und daß er ihr nun so nah und in solcher Abgeschlossenheit mit ihr war wie noch nie. Ich glaube, ich könnte ihr gut sagen, daß ich sie liebe; Wirkung, irgendwelche Folgen würde es keine nach sich ziehn, und ich werde es auch wohl kaum tun.
Unter solchen Gedanken betrachtete er den reichgeschlungenen Knoten ihres Haars, dessen sondres Braun an einer Stelle matt glänzte und heller schien in dem aus dem oberen Spalt fallenden Licht. Nur die Biegung ihrer Nase war ihm sichtbar und an dem kaum merklichen Auf- und Niedergehn der violettblauen Schultern, daß sie schwer zu atmen schien. Weich lag die Stille umher mit dem Regengeräusch und fernem Gezwitscher von Meisen.
Renate sagte:
„Sie sagen, daß Ihnen ein Glaube fehlt. Was ist denn das für ein Glaube, den Sie haben möchten?“
Georg zauderte lange im Empfinden, nun ganz aus innen sprechen zu dürfen, und indem wurde sein Auge von einer neuen Erscheinung gefesselt. Das war nichts weiter als der Zweig eines Holunderstrauchs, der sich gegen den Eingang von draußen erstreckte. Die jungen, noch weichen, aber schon großen — vielleicht erst heut, nach dem Morgenregen so groß gewordenen Blätter mit kleiner Zackung waren sich in einer so liebreichen Weise gleich, so geschwisterlich auf ähnliche Weise immer wieder vorhanden, und dabei so genau gemacht und so schön, so einfach und klar in dem Dasein, in einer verborgenen, aber merkbaren und stillen Aufgabe begriffen, nur ruhig schaukelnd und ungestört, wenn eines ein Tropfen traf, daß Georg die Augen nicht abziehn konnte von dem freundlichen Bild und so lange gedankenlos blieb. Endlich fing er dann an:
„So bin ich hineingerannt in die Welt und habe immerfort ausschauen müssen nach allen Seiten. Was hab ich gewonnen? — Weltanschauung — das Wort will zu viel und giebt zu wenig, denn: was ist anschaun? — Nein: wahres Wissen um einige wenige Dinge, um das Eins ist not, — und ein tiefes ernstes Eingerichtetsein auf dies Wissen — das möchte ich wohl. Ach wohl, ich habe immer gedacht, es ernst zu nehmen mit mir, aber nun scheint mir fast, mir — und jedem heut, dem der Glaube fehlt, dem fehlt nicht er, sondern dem fehlt es irgendwie — am Ernst.