„Und dann, Renate,“ fuhr er traurig fort, „dann wäre Religion nichts, das einem zuflösse von außen, vom Himmel, oder woher es auch sei. Sondern sie wäre wie eine Eigenschaft des Wesens und Lebens, wie ein Temperament, wie Heiterkeit oder Schwermut, und was man mit ihr berührte, das müßte von ihr zu fließen anfangen.“

„Und das Christentum,“ hörte er nach einer Weile Renates Stimme durch den Regenstrom, „das, glauben Sie, könnte Ihnen —“

„Ich weiß ja nicht!“ rief er, sie unterbrechend. „Heut morgen sprach ich mit Anna und Benno darüber —, aber seitdem ist mir alles so zerfallen. Das Christentum ist für jenseits; ich will etwas für hier. Vom Ahnenkult der Japaner, das fiel mir heut morgen schon ein, las ich bei Hearn, daß es in ihm weder einen Unterschied zwischen Religion und Ethik gebe, noch zwischen Ethik und Moral oder Sitte. So etwas dachte ich mir. Die Gesetze der Gemeinde und des Hauses, der Familie, die, sagt Hearn, seien die Sittenlehre des Shintoismus, und Staat und Religion, Sitte und Gesetz, die sind eins. Klingt das nicht wundervoll? Und weiter erinnere ich mich, daß er sogar sagt, das wahre Leben jedes religiösen Gesetzes liege in seiner Bedeutung für die Pflicht des Menschen gegen den Menschen; in der Lehre von Recht und Unrecht, sagt er. Das, das ist es! Die sittlichen Erfahrungen eines Volkes, die zu Religion geworden sind. Verstehen Sie mich doch, Renate, ich will keine Religion für mich, sondern für Alle. Sie haben ja Alle keine, wie könnte ich sonst ohne sie sein? Also hätte unser Volk, hätte Europa keine sittlichen Erfahrungen? Warum auch übernahmen wir das Christentum? Sie wurde uns eingeimpft, diese unsinnige Lehre vom Leiden, diese versprechende Religion, die das Leben nimmt, statt es zu geben. Ja, und sehen Sie dabei: sind die Japaner vielleicht bessere Menschen?“

Er sprach, ohne noch fest zu wissen, was er sprach, immer die mattgrünen stillen Blätter vor Augen, deren jedes ihm mehr und mehr eine Offenbarung hinzuhalten schien in ihren ruhigen kleinen Götterhänden. Dann als er schwieg, hörte er deutlich die große Stimme der Einsamkeit über die niederfallende Flut.

Renate hatte ihm jetzt das Gesicht zugewandt und lächelte ein wenig. „Ach Georg,“ sagte sie dann, „ein bißchen, ein ganz klein bißchen erinnern Sie mich doch immer an Jules Verne.“

„Ach! Aber warum denn das?“

„Weil er“, erklärte sie, „zuerst eine Möglichkeit annimmt, zum Beispiel die, daß eine Kugel voller Menschen sich zum Mond schießen lasse. Und auf dieser unbewiesenen Möglichkeit baut er nun weiter, ganz wissenschaftlich und logisch und richtig, und alles bekommt seine Ordnung und wird belegt und bewiesen — bis auf jene Möglichkeit. Und Sie, Georg, Sie betrachten einen Gegenstand und sagen: der ist so! Und auf diesem ‚so‘ bauen Sie auch weiter nach allen Regeln der Logik, und es hat alles seine Richtigkeit, bloß das ‚so‘, das hat keiner bewiesen“, schloß sie lächelnd.

„Meinen Sie wirklich?“

„Ja, nannten Sie nicht das Christentum eine Religion des Leidens? Nun, und selbst wenn es das wäre, heute wäre, wer zwingt Sie, das anzunehmen?“

„Sie haben recht, Renate, ich — ich kenne es vielleicht gar nicht. Also habe ich unrecht? Überzeugen Sie mich doch bitte!“