Sie schwieg eine Weile und schien zu warten, daß der überlaut strömende Regen leiser würde. Dies geschah auch bald, und Georg hörte sie sprechen, von ihm abgewandt, dem Wald zugewendet.

Renate begann langsam, die Worte nur selten verändernd, eine Charfreitags-Predigt ihres Vaters zu sagen.

„Wir“, sagte sie langsam, „blicken aus der Gegenwart in die Vergangenheit; und sehen wir dort in der Ferne Christus, im Jahre Eins oder Dreißig, so scheint uns dort alles anzufangen wie die Rechnung unserer Zeit. Es scheint, als wäre von allem, was er brachte und war, nichts gewesen zuvor; als ob er ein noch nie dagewesenes Neues erfunden habe, und wie wäre das möglich? Nur auf einem Grund läßt sich bauen, nichts ist neu von allen Seiten, und wie alle Andern, die uns heute ein völlig Neues gebracht zu haben scheinen, war er ein Erneuerer, und es war alles schon vorher, und nur auf seine Weise war es noch nicht.

„Und ferner sieht, wer ihn von hier aus sieht, sein Leben nicht vom Anfang, sondern vom Ende. Vor dem Ganzen erhebt sich das Kreuz, überschattet das Ganze und macht sein Leben zu einem einzigen Stollengange des Leidens, einem Gange zum Kreuz, in der Gewißheit dieses Endes von Anbeginn. Die gewaltigen Worte von Golgatha, von der Vergebung der Sünden, vom ewigen Leben, von der Vollendung des Leidens, sie scheinen nunmehr das Einzige, scheinen das Gefäß, das Leben und Lehre, alles umschließt, und das Leben nur der Weg zu ihm, oder der Unterbau, der sie als Krone, als Schlußstein trägt, und es dient nur, sie zu erklären, zu stützen, zu vervollkommnen. So aber müßte man sie in Wirklichkeit sehn, als Krone und Schlußstein des Baus, aber das Eigentliche ist und bleibt doch der Bau und nicht seine Bekrönung.

„Und so müßte man ihm nachgehn durch dieses Leben, ihm, nicht als einem Halbwesen, halb wirklich, halb immer symbolisch, sondern als einem leibhaften, glühenden, wollenden, versuchenden Menschen, der kam, um zu helfen, nicht um zu sterben. Der Schritt für Schritt, immer eifriger, immer wissender, immer liebevoller, sich steigerte in Worten und Taten, erst Worte gab, dann Taten — jene, die heute die Wunder heißen — zur Erhärtung, als Bürgschaft der Worte. Er, der Liebe säte und Glauben empfing. Der leidenschaftlich lebte, ein Dichter, kräftig packend in die Speichen der Sprache, dessen Rede leben sollte und brennen, der ihr Augen gab und Lippen und schlagende Flügel, und der also leibhaftig redete und stets mit den Grenzen des Ausdrucks, in den Tiefen der Darlegung, und so kam es dann, daß er so widersprechende Worte sagte wie, daß kein Stein auf dem andern bleiben werde, bis daß es alles geschehe, und daß auch kein Tüttel vom Gesetz verloren gehn solle, und er nicht gekommen sei, aufzulösen, sondern zu erfüllen. Das sagte er, denn die jüdische Glaubenslehre, so erstarrt sie schon Christus empfunden haben mag in der Verpanzerung des Gesetzes, sie war unendlich reich an sittlichen Forderungen, an tiefer Weisheit des täglichen Lebens, und wie schön an die Erde gebunden mit dem Messias, der kommen sollte, nicht nach dem Tod, sondern zu lebenden Menschen der Erde. Und es ist die wundervolle Unterscheidung der jüdischen Heilslehre, daß sie das goldene Zeitalter nicht in der Vergangenheit sah wie der Grieche, nicht im Jenseits wie der Christ und der Brahmine, sondern in einer leibhaften Zukunft der Menschheit.

„Man kann sich wohl denken, daß auch er dies gewollt hat, und also sein Leben weiter sehn. Nachdem darin im Anfang alles helle gewesen war, überall Freude und Entgegenkommen, Dankbarkeit und Vertrauen, fing nun der Haß an, der immer an zweiter Stelle kommende; die Befeindung, — und langsam ließ sich gewahren, wie er sich verstrickte, und daß es nicht genug war, gut zu sein, daß es keinen Schutz gab gegen das Mißtrauen und gegen die Eigentümer des Hergebrachten, die sich bedroht schienen von jeder Neuigkeit. Und die Ahnung ging ihm jetzt auf, daß er einmal zu zeugen haben werde für das Wort seines Blutes, mit dem Blut. Jedenfalls — in den Beschreibungen seines Lebens findet sich vom Leiden kein Wort — obschon vom Dulden und Geduldhaben —, bis jene Ahnung begann. Und so kam die Abschiedsnacht.

„Jene Nacht, in der die ewigen Worte fielen, die Samenkapseln, aus denen das ungeheure Feld aufgehn sollte. Er war aus Jerusalem entwichen und kehrte zurück. Er sammelte nun seine ganze Kraft, Bürge zu stehn für die Lehre, und ach sehen Sie ihn nun, den zarten, glühenden Menschen, der sich unterfangen hatte, Alle zu ändern auf seinem Wege, sehen Sie ihn in der furchtbaren Stunde gewissen Todes? Nein, denken Sie jetzt an keine schönen Gemälde des ruhigen Abendmahls, denken Sie nicht, daß er nur, wie es heißt, auf Gethsemane seine Kraft verlor und Gott bat, den Kelch vorübergehen zu lassen! Wenn er die Kraft auch besaß, war jene im Garten die einzige Stunde der Angst? War da Ruhe und Gelassenheit in dem fremden dunklen Gastzimmer, in der sinkenden Nacht, der letzten, da schon das Urteil verlesen war und nur die Vollstreckung noch ausstand? War er nicht unendlich einsam, eine dürftige, frierende Frucht in der Hand des Todes? Und diese Hand war es, die nun zugriff und preßte und herauspreßte das Ewige, die Blutworte aus den ersten Wunden: Nehmet hin und esset, dies ist mein Leib!

„Ja, was war denn seine Angst, und was ist denn die Angst des Sterbens? Vergessen zu werden, vergessen von der Welt, vergessen zu werden mit seinem Werk, seinem lebendigen Willen, umsonst sich zu opfern, da er die Menschen doch kannte, umsonst die Marter zu leiden! Und da schmolzen ihm nun die glühenden Worte hervor, mit denen er sie bat, zu gedenken, sie, die Wenigen um ihn, die er selber gezogen hatte, die er kannte, denen er doch vertraute, von denen sich hoffen ließ, daß ein Strahl seiner Sonne sich in ihre Stirnen und Herzen eingebrannt habe, und: Dies ist mein Blut, das für euch vergossen wird! flehte er sie an, solches tuet zu meinem Gedächtnis. Und in letzter Glut, sie beisammen sehend, später in Jahren, allein, ohne ihn, zu seinem Gedenken versammelt, geheiligt und entflammt durch Treue und Sehnsucht und Hoffen, sagte er auch, daß sie sich das Letzte trinken würden im Wein seines Blutes, wenn sie nur glaubten: Reinheit, Unschuld, Vergebung der Sünden.

„Nicht wer ißt und wer trinkt, dem wird vergeben, sondern wer glaubt und wer liebt.

„Was kam danach? Dann kamen die Vielen, die aufschrieben, was sie von ihm wußten, einfältig die Einen, die Andern klug. Sie zeichneten sein Leben auf, das schon lange nicht wirklich mehr war, Legende war und Symbol, und zu Legende und Symbol geriet ihnen nun alles, außer dem frommen Einen vielleicht, dem Maler, der alles noch leibhaft sah. Und als dann die noch Spätern kamen, die Lehrer, die Ausleger, da war nun alles Symbol geworden; bitterster Schmerz nur Symbol für Schmerz, das Leben, das Feuer, die Zweifel, die Qualen, die Wonnen, all das Sterbliche, was um Unsterblichkeit erst rang, ehe sie es segnete: das war heraus, und es blieb ein Gleichnis vom Leiden.