„Was dann kam, wissen Sie, Georg.“

„Kaiser Julian“, sagte Georg schwer versonnen und atmete auf. Da war es zu Ende. Er hatte mit Inbrunst gelauscht — im Anfang; mit Eifer und Hoffnung die ganze Zeit; als es aber ein Ende nahm, blieb ihm nichts in der Hand, und er sagte zu sich: Botschaft — unendlich schön, aber so erging es mir immer, daß ich auf das höchste entzückt und beglückt war, Botschaften zu hören, aber was sie niemals enthielten, war Glaube.

„Kaiser Julian?“ fragte Renate, sich umwendend, „warum der?“

„Der letzte Christ“, erklärte Georg trübe. „Wissen Sie, was Strindberg von ihm sagt? ‚Er lebt wie ein Christ und lehrt dasselbe wie Christus, ist aber doch ein Christushasser.‘ Das ist so beschränkt, wie Strindberg merkwürdigerweise immer ist. Er war mir nämlich verwandt, glaube ich, und nicht etwa ein Christus-, sondern ein Christenhasser. Denn: mit dem echten Christentum, nicht wahr, das sah er, war es aus, mußte es aus sein, sobald es anerkannt, sobald es Staatsreligion wurde. Bis dahin war das Bekenntnis für seine Anhänger Gefahr gewesen, Martyrium, nicht wahr, und nur die Guten, nur die Echten und Gläubigen nahmen es auf sich. Wurde es Staatsreligion, kam es auch an die Schlechten, wurde es zur Formel, die es auszusprechen genügte, während es vorher Leben, Schicksal, Glauben und Sterben war. Also, nicht wahr, ist dieser Julian, der Abtrünnige, vermutlich der letzte christliche König gewesen, der gut war, ohne öffentliche Formel dafür, der aber annahm, es sei dieser Lehre besser, ausgerottet zu werden, als verbreitet. Ach, wie kam es, wie kam es denn, Renate? Da wurde es Zwang, nicht wahr? da wurden die Menschen mit Feuer und Schwert zu Christen gemacht, dann galt es für die alleinseligmachende Religion, und wer sich nicht selig machen lassen wollte, wurde gerädert, geteert und gesäckt. Ach, ist es nicht unerhört, daß diese, grade diese Religion der Geduld die erste unduldsame geworden ist?!“

„Ja, Georg, aber warum sagen Sie mir das?“

„Weil — also weil sie eben unannehmbar für mich geworden ist! Da ist mir alles weggeglaubt, möcht ich sagen.“

„Müssen Sie denn glauben?“ fragte sie plötzlich.

„Ja, das ist freilich die Frage! Von der bin ich ja eigentlich ausgegangen heut morgen. Denn — vielleicht ists doch nur Einbildung? Alle Millionen Menschen, die vor mir waren, haben geglaubt und gemeint, glauben zu müssen. Und wenn das nun ein Irrtum war, und ich kann mich nur nicht entziehen?“

„Das könnten Sie doch noch versuchen, Georg. Wie es scheint, kommt es Ihnen vor allem auf das Sittliche an, und — ich will Ihnen sagen, was mein Vater lehrte. Er hatte in einer außerordentlichen Stunde Einsicht gewonnen in die vollkommene Ordnung der Welt; in eine ewige, alles lenkende Weisheit. Und nun —“

„Aber kann man das lehren? Ich meine: lassen sich daraus Anweisungen ziehn für das Handeln, für die Gemeinschaft?“