„Gewiß. Denn wer mit vollem Glauben überzeugt ist vom Walten dieser Weisheit, wird der sich nicht bestreben, sein Leben, seinen Teil dieser Weisheit mit ihr in Einklang zu bringen? In Einklang jede Tat, jedes Wort und jeden Gedanken?“
Georg dachte lange nach und kam zu dem Schluß, daß er von solchem Glauben weiter entfernt wäre als von allem andern.
„Aber mein Gott, Georg,“ rief sie nun verzweifelt, „was ums Himmels willen wollen Sie denn eigentlich?“
Georg erwiderte ihren fast zornigen Blick mit möglichster Festigkeit und sagte:
„Es giebt eine Art Menschen, die ohne Glauben leben kann. Das ist Bogner. Er fiel mir schon ein, als Sie vom Maler Lukas sprachen. Der zeugende Mensch, der braucht keinen Glauben, denn aus der Zeugung brennt die Unsterblichkeit, und in der Unsterblichkeit thront Gott. Wie aber läßt sich zeugen, Renate? Auf zweierlei Weise. Im Werk und im Opfer. In diesem war Christus der Höchste, der sich so sehr — sagen Sie, ob ich begriffen habe! — so sehr sich als Opfer fühlte, daß jede Berührung mit den Menschen Liebe wurde, und das heißt Zeugen. Dazu gehört der grenzenlose Glaube an die Menschen, den ich nicht habe. Glaube an die Menschen, der ersetzt den Glauben an Gott, oder vielmehr: er ist darin.“
Georg hatte nun mit ganzer Flamme gesprochen, und mit einer schnellen Regung der Ergriffenheit sah er Renate sich zu ihm wenden und beide Hände auf seine Schultern legen. „Wir wollen uns doch bemühen, Georg, sollte uns das nicht fruchten?“
Aber schon, während sie die Worte sprach, sah sie in seine nah vor den ihren stehenden Augen einen Ausdruck eintreten, den sie um jeden Preis verhindern wollte, — und so gab sie, vergiftet von dem Schmerz, daß sie das Heiligste preisgeben wollte, das sie hatte, nur um dies zu verdrängen, was in seine Augen gedrungen war, aber beim Sprechen doch Wort um Wort kämpfend und hoffend, dies, was sie gab, müsse stärker sein und jenes verdrängen, bis es alleine leuchte und seine Seele erhelle, mit der sie Mitleid hatte, — gab sie das letzte Wort ihres Vaters vor seinem Sterben; sie sprach:
„Das letzte Wort meines lieben Vaters war so:
„Wenn es eine ewige Seligkeit giebt, so kann ihre Erscheinung nur die eines unendlichen und unablässigen Staunens sein; des Staunens über die unerfaßliche Herrlichkeit oder die herrliche Unerfaßlichkeit Gottes, das ist: des ewig seligen Daseins.
„Denn sie kann, die ewige Seligkeit, in allem nur das Gegenteil unserer zeitlichen Unseligkeit sein. Deren Erscheinung aber ist Gewohnheit, die alltägliche Wiederkehr, die Wiederholung und dadurch die Abstumpfung und Abnutzung, ja schließlich die Ohnmächtigkeit der Empfindung. Wir sind immerfort sterbend.