Dort aber werden wir immerfort lebend sein. Denn wir werden Eingang gefunden haben in das vollkommene und unaufhörliche Sein, dessen Wesen Liebe ist. In der Liebe ganz sein, das ist ganz lebend sein; sie, die Liebe, ist die einzige Erschafferin und Erhalterin aller Dinge, die unendlich Frische, alles Lebendige immer wieder neu, herrlich und erstaunlich Machende; so wie jeder Morgen den Tag, jeder Frühling die Erde, — so wie jedes tiefe Gefühl dich und die Welt immer wieder neu und erstaunlich macht.

„O aber wie willst du eingehen können in die ewige dorten, wenn du in die zeitliche Liebe hier nicht schon weit und tief eingedrungen bist! Und ach, so wende dich ab von jenem unsichern Sein in den schönern Himmeln, das du nur dein nennst in der Hoffnung, dein im Verzicht, dein aus deiner irdischen Kraftlosigkeit! Laß dieses eine sein dein Bemühn: lerne zu staunen! Lerne die mächtige Kraft der Neuheit, die schöpferische; lerne zu lieben, lerne zu leben! Wenn auch alles die Zeit daran setzt, dir immer wieder den Faden zu zerreißen, den du liebend von Augenblicke zu Augenblick deines Lebens legen willst: lerne ihn immer wieder knüpfen, verliere nie aus dem Auge seinen einzigen Schein von Gold, und um so süßer verlockend das Wort „von Ewigkeit zu Ewigkeit“ dir im Herzen ertönt: sprich dagegen: „von Augenblicke zu Augenblick“ knüpf ich und webe ich das einzige Kleid meines Lebens. Ob es Gottes Hand einmal aus der meinen nehmen wird, mich für immer hineinzukleiden, oder ob sein ganzer Sinn der ist, von mir gewoben zu werden: das ist zu wissen nicht not. Not ist, zu tun. In dem Tun wird die Liebe, in der Liebe das Wesen, in dem Wesen das Leben sein, das weder zeitlich noch ewig, sondern das in der Liebe ist.“

Renate verstummte. Hoffnungsvoll mit schwellender Zärtlichkeit versuchte sie, durch ihren Blick Georgs über ihre Schulter gerichteten Blick zu sich herzuwenden, und sie sagte noch, lächelnd, obwohl schaudernd im Ernst des Todes: „Hast du verstanden?“

„Ja,“ sagte Georg, „ich liebe dich!“

Sie schluchzte auf. Das lange schon in ihr quellende Schluchzen brach haltlos über ihre Lippen, sie senkte eilig den Kopf, und nichts wissend von Enttäuschung, nur verzweifelt im Herzen, brach sie blindlings durch Buschwerk und Bäume, bis sie den Weg erreichte.

Georg wagte nicht zu folgen. Das war, dachte er mit geringer Beschämung, falsch, — und war es nicht trotzdem recht? Sie sah wie ein Engel aus, als sie sprach, und was kann man zu einem Engel, der kommt und Gott verbürgt und verkündet, was kann man andres sagen als: Ich liebe dich, Engel? — Und so empfand ich die Worte in diesem Augenblicke, nicht anders.

Er senkte den Kopf. Danach konnte er den Stamm nicht verlassen, ohne einen dankbarlich Abschied nehmenden Blick an den Holunderzweig zu heften, wobei er jedoch zu bemerken glaubte, daß dieser, der während der ganzen Zeit die kleinen graugrünen Hände mit so viel Geduld — damit er erkenne, was sie hielten! — hingestreckt hatte, sich jetzt völlig achtlos verhielt. Da wandte auch er sich zögernd und fand sich bald im Freien der Mittelallee durch das Wäldchen und in der voll einfallenden Mittagssonne. Ganz fern in der lichten Öffnung, in der die Wiese vor der Terrasse lag, sah er die kleine dunkelbläuliche Gestalt von Renate und ging ihr nach.

Fünftes Kapitel

Erasmus

Renate gewann sich erst wieder, als sie schon das Rasenoval in der Richtung zum Hause überschritt, und gewahrte sogleich von rechts her auf dem unter der Terrasse einherführenden Wege drei Gestalten, langsam schlendernd in kleinen Abständen wie schaulustige Fremde: zwei in schwarzen Lodenumhängen, von denen Einer sehr groß war, der Andre schwarzbärtig. Der Dritte in einem glänzend braungelben Ölmantel sah sich um, gewahrte sie und blieb stehn, indem er mit einer leicht zurückfahrenden Bewegung die Hände ausstreckte.