Nur flüchtig erkannte Renate in diesem Bogner. Denn sie stand, angewurzelt in einer betäubenden Dumpfheit, die schmerzhaft ihren Kopf und auch ringsum vor ihren Augen alles zusammenzog und verdunkelte, gespensterhaft anzusehn, da dennoch der Mittag glühte, wie eine Sonnenfinsternis. Und während sie inständig an der Frage nagte, wer jener große Mensch da vorn sei, zuckten mit blitzhafter Schnelle und Leichte Bilder des Tages durch sie hin: Das schmerzhaft dumpfe Sitzen und Reden beim Frühstück, Bennos betrübtes Gesicht; dann: wie sie auf der Bank gesessen hatte am Weiher, nun erleichtert, in einer süßen und trauervollen Hingegebenheit an das Licht und den Anblick der Grabesinsel, wo mehr als die eine Tote sich ausschlief. Die Wanderung mit Georg und ein heiliges Leichterwerden, immer leichter, ihrer Brust mit jedem ihrer Worte in der seltsamen Kapelle des Eichbaums. Und sie sah noch Georg in der Allee vor ihr stehn. Einen Augenblick später war all dies erloschen; sie spähte mit heißer Angst links und rechts, wohin sie noch entfliehn könnte, sah die Gestalten fern wie Gestalten eines Traumes und setzte sich jetzt schwer in Bewegung, gehend, ohne es zu spüren, und Schritt um Schritt mehr entleert von Bewußtsein. Sie sah die zwei Andern und sah sie auch nicht; sie ging auf den großen zu, auf Erasmus, der entgegenkam, den Hut in die Hand nehmend. Ihn starr anblickend fragte sie:

„Heut kommst du, Erasmus?“

Er erwiderte: „Es ist Charfreitag.“

Renate wollte noch nicht verstehn, obwohl sie aus dem Wort auch das unausgesprochene hörte: Dein ernstester Tag.

Warum war sein Gesicht so verzerrt? Diese furchtbare Erschöpftheit in den vorquellenden Augen! Und den Mund bewegte er geöffnet wie im Kauen. Dabei ging sie immer weiter, und er neben ihr, zur Terrasse, die Stufen hinauf, über die Fläche und in die offene Tür des Vogelsaals, wo sie dann keine Kraft mehr hatte und stehen blieb. Hier war eine kleine Tafel weiß gedeckt und mit Tellern am Rande. Sie mußte zu ihm aufsehn.

Tropfen standen auf seiner übermäßigen Stirn. Er bemühte sich offenbar schwer, ruhig zu scheinen. Sie fragte:

„Woher kommst du?“

„Von zuhaus.“

„Zu Fuß?“ fragte sie wieder, um etwas noch hinauszuschieben.

„Zu Fuß“, sagte er stumpf.