„Dann hast du wohl Hunger?“
„Ja,“ sagte er gequält, „Hunger.“
Sieh, da stand ein kleiner silberner Korb mit Brötchen, und sie hielt ihn schon und hielt ihn Diesem hin, der Hunger hatte, wie er sagte, aber er legte eine riesige flimmernde Hand darauf und sprach, während alles zu Boden fiel aus ihren plötzlich kraftlosen Händen: „Nicht danach!“
Ihr Kopf sank hintenüber; die Lider fielen zu; sie hob die Hände, legte sie auf ihre Brust und fragte so: „Willst du?“ und stöhnte.
Dann fühlte sie, daß sie gehalten wurde, legte willenlos den Kopf an der Schulter fest, die sie fühlte, und verlor sich für Sekunden in einem Schluchzen der Geborgenheit. Im nächsten Augenblick hatte sie sich losgerissen, und sie schrie irgend etwas — „Warte!“ schrie sie, „warte noch! einen einzigen Augenblick!“ — und fand sich nach einer Flucht, von der sie nichts wußte, auf den Knieen liegend vor einem Stuhl ihres Zimmers, in einer Angst, einer Ratlosigkeit, einer Zerflammtheit der Not, in der ihr die Sinne vergingen. Sie schrie, ohne Wort, ohne Laut, um Hülfe nach irgendwem, sie stammelte Sinnloses: „Nicht beten! nicht beten! Brennen! opfern! ich kann nicht! muß es denn sein?“ Und sie stand wieder, mitten im Zimmer, den Kopf in den Händen, wie blind.
Trotzdem gewahrte sie dann ihre Schreibmappe auf dem Tisch und wußte gleich, daß etwas darin war. Sie hielt sie schon in der Hand, klappte sie auseinander und zog, ohne sich zu besinnen, aus der innersten Tasche jenen großen, vergessenen Brief hervor, auf dem die Hand Josefs die Worte geschrieben hatte, die sie erkannte: ‚Zu lesen nicht vor meinem Tode; auch dann nur bei Lebensgefahr.‘
Aber sie zitterte nun so, daß sie sich setzen mußte. Als nach einer Zeit ihre flatternden Hände sichrer geworden waren, riß sie den Umschlag auf, nahm einen Pack stark und schwarz beschriebener Blätter heraus und las dort, wo ihr der Anfang zu sein schien, die Worte: ‚Auszug aus meinem Tagebuch vom 28. März bis zum 3. April‘ und eine Jahreszahl. 28. März — das war der Todestag ihres Vaters. — Sie las weiter den Eingang: ‚Seltsame und kaum zu erwartende Begebnisse ...‘, und in einer der nächsten Zeilen das Wort ‚Erasmus‘.
Es betraf sie, sie und ihn, da war kein Zweifel. Nun versuchte sie zu lesen, aber die Buchstaben tanzten vor ihren Augen bis zur Zimmerdecke hinauf; sie wartete, aber umsonst, und — Nein, das muß er doch lesen! dachte sie und ging zur Tür. Die Tür zum Vogelsaal, die gleich dahinter zu liegen schien, öffnend, sah sie den Erasmus mit dem Rücken nach ihr stehn. Während er sich wandte, erschien neben ihr Egloffstein mit einem Tafelaufsatz, und sie winkte Erasmus mit den Augen. Augenblicke später stand sie im Klaviersaal, drückte Erasmus die Blätter in die Hand und sagte: „Dies mußt du lesen!“
Er zuckte mit den Augen, als er die Handschrift sah.
„Jetzt?“ fragte er.