„Jetzt! Vorlesen, bitte!“ bat sie hülflos, zurückweichend, und sah ihn zaudernd in der Richtung der Fenstervorhänge gehn, die in der Sonne dunkelgelb glühten. Dort setzte er sich zwischen zweien auf einen Armstuhl. Sie ging ihm näher, lehnte sich ihm gegenüber an die Kante des Tisches und faßte sie mit den Händen, erschreckend vor ihrer Kälte.
„Das kann ich nicht lesen“, sagte er, die Hand mit den Blättern sinken lassend.
„Ach, Erasmus, du mußt aber! Handelt es nicht von dir?“ Er nickte. „Und von mir?“ Er bejahte wieder. „Dann lies!“ sagte sie aufatmend und legte die Hände zusammen.
Erasmus las.
‚Seltsame und kaum zu erwartende Begebnisse in einem Pastorenhause.
Wir kamen — Erasmus, der in Marburg zu mir stieß, und ich — am Nachmittag in B. an, von wo wir das Kirchdorf Flor in einer kleinen Gehstunde erreichen sollten. Es wurde ein schöner Gang. Die spätmärzliche Luft atmete vielfach umher, lau und gefeuchtet; auf der lehmig festen Straße standen noch Lachen vom Nachtregen, in denen Weißes und Blaues vom Himmel sich spiegelte. Dort oben war die jugendliche Sonne des Jahre rüstig am Werk, noch vor Abend die grauweißen Eiswälle des Gewölks fortzutilgen, die nun schon, weithin sichtbar nach allen Seiten, überall durchbrochen, davonjagten in voller Flucht. Mächtige Bläuen schwebten segelnd und großherzig dazwischen; die Sonne kämpfte rastlos. Strahlen vergoldeten das grüne Land in der Tiefe überall, und es dampfte. Unsern Weg entlang — Alleen weißblühender Kirschbäume — schloß sich Obstgarten an Obstgarten. Das waren ganze fremdländische Stadtsiedlungen niedriger weißer oder rosigbehauchter Kuppeln, Städte von unendlicher Zartheit, Leisheit, Empfindlichkeit. Zwischen ihnen, kräftig und derbe, lagen Wiesenstücke und einzeln die wirklichen Häuser, in deren Blumenvorgärten die großen Silberkugeln den Himmel zeigten, andre im Sonnenfeuer lohten und blitzten, und darunter blühten Aurikeln und Narzissen, standen die Tulpenreihn grade in papierner Buntheit um die Beetränder. — Ach Gott, sagte ich zu Erasmus, man muß zu andrer Zeit sterben! Und wir beklagten den toten Mann, dessen wir uns vom Begräbnis des Großvaters her wohltuend erinnerten. Wie er damals unerwartet erschien: weißhaarig und -bärtig, unter der mildesten Stirn, die ich sah, Augen von eisklarem Blau, tief leuchtend, mit dem durchbohrenden Blicke der Wahrheit, Lippen umspielt vom ruhigen Lächeln des Weisen: so hätte er uns hier grüßen sollen vom Zaun eines dieser freundlichen Gärten, Freund der Fluren, von dem es heißt:
Dann sieht man zwischen Reben ihn mit Basten
Die losen binden an die starken Schäfte,
Die harten grünen Herlinge betasten
Und brechen einer Ranke Überkräfte.