Der Papa trat uns im Hausflur entgegen, verweint, aber doch mehr bedrückt aussehend als schmerzlich, grüßte uns leise und führte uns durch ein großes und mit weißen Abgüssen von Büsten und Figuren zwischen den Bücherregalen feierlich heiteres Arbeitszimmer in ein um so einfacheres Schlafgemach, wo der Schein zweier Kerzen im verdunkelten Tageslicht wie mit einem Ruck alles deutlich und fest machte, — sonderbar genug, wie immer das Kerzenlicht am Tag nicht erhellt, sondern zu verdunkeln scheint. Diese beiden, wächsern und lang in hohen Leuchtern, brannten auf einem durch eine schwarze Decke zum Altar verwandelten Tisch an der Wand; zwischen ihnen das Bibelbuch, blinkend in Goldschnitt, vor einem glatten braunen Kreuz, ohne Heiland, jedoch, wie der Tisch, mit einer Girlande von Aurikeln und Primeln umwunden. Zur Rechten davor der Sarg zeigte offen sein bettweißes Inneres; der Deckel lag daneben. Links stand das Bett mit dem Toten, von dessen Antlitz mein Vater das Tuch fortnahm.
Aber so hat von allen Toten, die ich zu sehen bekam, noch keiner ausgesehn am dritten Tage des Totseins. Anstatt in der wächsernen Gelbe, zeigte diese Stirn und das Sichtbare der Wangen sich so weiß wie das Haar und der Bart; weiß, durchscheinend gleich Alabaster, und die Hände waren ganz so. Erschreckend darin die zwei Augen; weitoffen, gefüllt mit stumpfem Blau, starrten sie nach oben.
Ob sie nicht zu schließen seien, fragte ich nach einer Weile. Der Papa stand weinend und zuckte die Achseln. „Wer sagt denn, daß er tot ist?“ murmelte er dann erschöpft. Ich fragte: „Der Arzt ...?“ Er schüttelte den Kopf und bat uns, ihm zu folgen.
Durch das Arbeitszimmer zurück führte er uns über den Flur und öffnete eine Tür an der Westseite des Hauses. Alle Drei standen wir da geblendet vor einem Raum aus Feuer und Gold; einem nicht eben großen, quadratischen Zimmer mit, wie ich bald wahrnahm, weißgoldenen Wänden, durch dessen gläserne Gartentür und das Fenster die tiefe Sonne in prachtvollem Strome hereinschwoll. Der Raum schien menschenleer; vor seiner einsam lodernden Feierlichkeit befremdete mich der Anblick von uns drei großen und schwarz gekleideten Eindringlingen, und ich sah die beiden Andern zögern, hineinzugehn. Nun blickt ich mich um, und ich glaube, selten etwas so Liebliches gesehen zu haben wie dies einfache Gemach mit weißer, leise golden getupfter Tapete, wo kleine graue Stahlstiche hingen, und mit goldgelben Möbeln aus den zwanziger Jahren, Schreibsekretär, Vitrine, Kommode und Spiegel. Ein runder Tisch im Kreise der Stühle trug einen Kristallkelch mit einigen Narzissen; er stand vor dem Sofa an der Wand, das mit einem erdbeerfarbenen Damaststoff bespannt war, und dessen eines Ende verdeckt war von dem einzigen Düsteren im Raum, einem schwarzen japanischen Wandschirm mit eingestickten silbernen Bambusrohren und dergleichen, auch er, wie alles umher, von der Verzaubrung des Lichts mit glühendem Rot überzogen. Fee oder Göttin, dachte ich, was für ein Wesen mag das sein, dem dieser Feuerschrein als Behausung dient? — Und noch, während ich den Papa auf Zehen durch den Raum gehen sah, besann ich mich vergebens auf Gestalt und Züge einer flüchtig gesehenen Fünfzehn- oder Sechzehnjährigen mit Namen Renate.
Indem rückte mein Vater den Wandschirm überseite und enthüllte die sitzende, gleich rosenhaft überflossene Gestalt eines schönen, anscheinend blonden Mädchens in weißem Kleid, das uns aus groß offenen, hyazinthblauen Augen so gläsern anstarrte, als wars eine Puppe. Den Erasmus sah ich zurückfahren. Es war freilich gespenstisch, sie ebenso hinter dem Wandschirm sitzen zu denken, wie sie nun fortfuhr, ohne Bewegung, ohne Blick.
„Aber sie ist nicht tot?“ hörte ich die Stimme meines Bruders sehr tief. Mein Vater verneinte stumm. Wir traten näher.
Sie war schön. Untadelhaft schön. Schöner vielleicht als alles. Die Starrheit der Augen beeinträchtigte die Umgebung. Das Haar, nicht blond, sondern von einem mir unbekannten hellen Braun, war, in der Mitte gescheitelt, so um die hohe Stirne gelegt, daß sie ganz frei blieb, dann tief nach unten gezogen, wie man es auf Bildern der vierziger Jahre sieht, und der Adel und die Reinheit dieses Giebels von Alabaster war unendlich ergreifend. Das ganze, schmale Gesicht war schneeweiß und durchscheinend klar wie des Toten; ebenfalls das Paar der Hände und bloßen Unterarme, und ich hatte so sehr den Eindruck des aus allen Gliedern zum Herzen hineingesogenen Blutes, daß es mir dort innen erschien wie ein Glasgefäß, herzförmig, blutrot gefüllt; in einer Figur aus gesponnenem Glase.
Ich rührte eine von diesen Händen an; eiskalt und steif; kaum zu bewegen.
„Was ist mit ihr?“ fragte ich. Allein statt einer Antwort vom Vater hörte ich das leise Klirren der Glastür und sah ihn ins Freie treten. Als ich mich nach Erasmus umwandte, stand er, die Hände auf die Tischplatte vor sich gestützt, übergebeugt, die Sitzende so starr anblickend wie sie ihn, ohne meiner zu achten.
Meinem Vater nachgehend, sah ich ihn jetzt so hübsch in dem Garten stehn, auf einem bewegten Grund weißgetünchter, weißwolkiger Obstbäume, blühende Zweige zu Häupten, zwischen Tulpenrabatten, etwas schief haltend wie zumeist den von der Abendglut noch rosiger als gewöhnlich gefärbten Kopf, seine goldene Brille putzend mit dem Taschentuch, — so hübsch, wie gesagt, so lebendig, daß ich ihm ernsthaft wünschte, als Pfarrer hierherzugehören, anstatt den Fabrikherrn spielen zu müssen, was ihm doch nie recht gelang.