Der Tote aber verfiel so schnell, daß wir nicht genug eilen konnten, ihn einzusargen. Schön war noch dies: Wie jeden Morgen war der wackre Lehrer der erste, der anzufragen kam. Nachdem er die Schlafende gesehn, entfernte er sich eilig, und Minuten später hörten wir die Orgel überlaut Te deum laudamus brausen. In die Haustür tretend, sahn wir den Heckengang unter den Linden von der Kirche bis nahe ans Haus gefüllt von knieendem Volk. Mein alter Vater winkte ihnen mit den Händen und weinte erschöpft auf; da brachen sie Alle in Schluchzen aus, das die Orgel übertönte. Mir fiel ein, daß es gut sein möchte, wenn der löwenhafte Zerreißer jenes Bandes auch in sich selber die alte Kette zerrissen hätte, die ihn solang als gefesselten Sklaven zwischen uns herumgehen ließ. Siehe da, der Sklave war stärker als Alle!‘
Renate befand sich, als die lesende Stimme schwieg, nicht mehr an dem Tisch gegenüber, sondern in der entlegensten Ecke des Raums, wohin sie ohne ihr Zutun geraten war. Dort saß sie im Stuhl vor dem Harmonium, die Hände lautlos ringend auf dem Deckel, dann und wann aufblickend unter den Schnitten der Qual, wo in klar leuchtenden Farben ein Bildwerk hing, eine sitzende weibliche Gestalt in der Landschaft, an die sie umsonst ihr wortloses Stammeln richtete. In ihrer übermenschlichen und namenlosen Aufgabe begriffen, grübelte sie wieder und wiederum väterlichen Lehren nach, doch nicht ihm selbst, dessen Namen nicht einmal sie zu denken wagte; unzähligen seiner Auslegungen um den Kern seiner Lehre, die ihr zu einer Erkenntnis helfen sollten, und eine ewige Weile lang schien alles vergebens. Plötzlich sah sie Erasmus dasitzen, ganz still, den Kopf gesenkt, die Blätter noch in der Hand, nichts als ergeben, — und mit einem zuckenden Schrecken spürte sie, daß etwas am Gelingen war, wie ein Ding, an dem sie würgte und knetete, oder als hätte das Ungeborene eben gelächelt. Und nun weiter, weiter in der ganzen wütenden Not und Mühsal und Verzweiflung und Zerrissenheit des Gebärens, wälzte sie Glied um Glied und Atemzug um Atemzug näher zum Leben, was herauf sollte aus dem erstickenden Schlund, — und endlich mit einem reißenden Schmerzensstrom und einer sausenden Wonne zugleich, fuhr es, stand es, schwebte es in das Leben, und es war Demut.
Glieder und Odem und Blut aus seliger Demut: ihre geborene Seele trug sie nun, lallend, weinend, behutsam, noch ungläubig, — trug sie durch einen Raum weitoffener Leichte zu jenem Menschen hin, der da saß wie ein stiller Mönch, und sagte: „Mach du mich rein!“ Ihre Knie beugten sich tiefer, ihr Nacken bog sich in dieser neuen, heiligen Wonne der Dienstbarkeit, ihre ausgestreckten Hände brannten von Eifer und Seligkeit, das reinlich erschaffene Juwel der Empfängnis hinzulegen. Und so lag sie wohl auf dem Boden, lächelte, weinte und sagte:
„Ich will dich lieben!“
Erasmus (Fortsetzung)
Als Renate die Augen aufschlug, fühlte sie sich zuerst sehr müde. Mit einem schwachen Gefühl der Enttäuschung, daß sie nicht schlief, erinnerte sie sich, die Besinnung nicht verloren zu haben, und deutlich auch, daß Erasmus sie aufgehoben und davongetragen, dabei zweimal nach dem Weg zu ihrem Zimmer gefragt —, ja, daß sie zuerst gesagt hatte: In mein Zimmer! Sie hatte die Wände, das Treppenhaus an sich vorbeiziehen sehn, und nur war das in einer Art Starre vor sich gegangen; ihr Körper schien Ähnlichkeit zu haben — und vielleicht auch die Seele, — mit einem von betäubendem Schlage getroffenen Glied, das empfindungslos geworden ist, und sie meinte noch jetzt, ihre Hände, ihre Füße, ihren Kopf nicht zu fühlen. Als sie aber jedes ganz leise bewegte, war es da, nur äußerst leicht und entfernter als sonst. Und dies — sie wußte es wohl — diese Leichte, diese Wärme, das war alles wie damals; damals als er, der sie heute trug, sie zum ersten Mal aus dem Eise befreit hatte ... Daß sie die Augen geschlossen hatte, als sie niedergelegt wurde, wußte sie, und bestimmt, daß sie höchstens einige Minuten geschlafen hatte. Nun sah sie die Fenster ihres Zimmers, das im Schatten lag, etwas kahles Gewipfel und den Regen, der leicht niederfiel. Es war hell draußen von entferntem Sonnenschein, und sie hörte Gezwitscher. Und im Fenster zur Linken — sie war etwas geblendet — befand sich ein menschlicher Schatten: Erasmus.
Plötzlich spürte sie die Wärme, in die sie gebettet war, ja, die ihr ganzes Wesen erfüllte, und daß sie trotz schwerer Müdheit mit einem unendlichen seelischen Behagen gesättigt war. Eine von innen quellende Wärme, die duftete und an die wundervolle Wärme eines uralten Kachelofens erinnerte mit seinem Holzfeuer und vielen kleinen Darstellungen aus dem Leben Mosis, im heimatlichen Flor. Sie meinte, sich weder bewegen, noch einen Laut hervorbringen zu können, aber das Gewebe der Wärme, aus dem sie ganz und gar bestand, regte sich so atmend auf und nieder, daß sie zu fühlen glaubte, wie sie es mit ihren Atemzügen an sich zog und ausdehnte, und sie dachte: ich bin wie ein Licht.
Die Helligkeit blendete nun nicht mehr, und nachdem sie ihr Auge von der Steppdecke, mit der sie bedeckt war, über die Wände mit ihren vielen kleinen, zartfarbenen Pferdebildern hatte gleiten lassen, ließ sie es an Erasmus haften, leicht hängen bleibend wie ein Falter.
Er saß auf der Fensterbank mit einem Oberschenkel, das andre Bein leicht ins Zimmer gestreckt, das ihr der Tisch vor dem Sofa etwas verdeckte, und sah, etwas vorgebeugt, nach unten, so daß sie sein Gesicht fast ganz im Profil vor sich hatte. Dabei hatte seine Haltung mit dem einen auf den Schenkel gestemmten Arm einen Ausdruck von Ermüdung und großer unbewußter Würde. Und nun mit immer der gleichen Leichtheit im Bewegen ihres Blickes alle Linien seiner Züge nachziehend, fand sie, daß er sonst nicht schöner geworden war. Das Ganze schien so überaus unglücklich zusammengestellt; das Kinn viel zu klein, obgleich es an sich recht fein, ja fast zierlich gemeißelt war; die Oberlippe zu lang wie die Nase, die obendrein eingedrückt war; und nun erst diese zwei unmäßigen Buckel der Stirn über den überstarken Augäpfeln, Felsen gleich, die aneinandergelehnt sind, und die Einbuchtung zwischen ihnen war oben tief eingegraben, und dort schlug sichtbar ein Puls. Das mißfarbene Haar war dünn und auf der Kopfmitte gelichtet; Nacken und Hinterkopf, wie mit dem Beil geschlagen, zeigten eine einzige lange Linie. Und trotz allem diesem machte das Ganze keinen abschreckenden Eindruck; höchstens einen etwas furchterregend anziehenden, und es gefiel Renate, daß seine Lider, nicht wie bei anderen Menschen, klappten, sondern sich ruhig und selten nur legten und wieder hoben. Da war Geduld, Gelassenheit, Ruhe, und es erinnerte übrigens an Bogner.
Eine Hand neben sich aufstützend, richtete Renate sich auf, im Bewußtsein berührt von einem sehr zarten Gefühl für diesen Menschen, und nun überrascht von der Leichtigkeit, mit der ihr jede Bewegung gelang. Ach, die schöne Wärme, die mit in Erschütterung gekommen war und nun an vielen Stellen zugleich quoll und verrieselte! Sie setzte sich, erfreut, daß es unhörbar gelang, in der Sofaecke aufrecht, und sagte dann leise nichts als: „Nun?“