Ich fuhr auf, da etwas vor mir niedergelegt wurde, — der schöne, leblose Leib in triefenden Kleidern, und Erasmus, erschöpft, übergeneigt aus dem Wasser, die Fäuste im Kahn aufgestützt, keuchte etwas wie, daß er sie in Blut baden möchte.

In Blut. Er meinte das seine und starrte mich böse an, als ich sagte, daß man vor einigen tausend Jahren ein jugendliches Roß oder jungfräuliches Rind geopfert haben würde. Die Unselige dauerte mich wahrhaftig, und dieser Blutgedanke ließ mich lange nicht los, während wir uns stromauf stakten. Alle Zauber wohnen allein in dem Blut. Ein mittelalterlicher Quacksalber würde ihr längst eine Ader geschlagen haben und womöglich das Rechte getroffen.

In der Haustür empfing uns die alte Dienerin, die von Erasmus verständigt sein mußte, denn sie ging uns wortlos voran bis in ein kleines weißes Schlafzimmer, wo sie Licht, Decken und Tücher bereit hatte, und wo wir sie mit der Leblosen auf ihrem Bett allein ließen. Erasmus frottierte sich warm, legte sich und schlief alsbald ein; weniger abgemattet als er und heftiger erregt machte ich mich ans Schreiben. Eben ist die Sonne am Aufgehn.

Fünfter (oder siebenter) Abend. Mein Vater entschloß sich, das Begräbnis für morgen anzusetzen. Die ganze Umgegend ist in Aufruhr, die Leute strömen in Scharen herbei, es kostet Mühe, sie vom Zimmer Renates fernzuhalten, wo unveränderlich, wie ich ihn fand am Vormittag nach jener Nacht, Erasmus ihr gegenüber sitzt, und sie anglüht rastlos mit brennenden Augen der Seele. Dieser Mensch macht mir Grauen mit seiner Leidenschaft. Wenn er seine Seele aushauchen könnte als eine Glutwolke um die Erstarrte, so würde ers tun. Armer Pygmalion, wenn sie wirklich erwacht und ist dann nur ein Mensch, der nichts weiß und nichts ahnt, was dann?

Gleichfalls unwandelbar der Tote auf seinem Bett, unverwesend. Neben dem sitzt sein Bruder, unselig, verfallen und hülflos. Ich greife mir an den Kopf und frage, woher das Ende kommen soll?

Und da ist es, das Ende.

Preis und Ehre dem Siegreichen! Ja, alle Ehrfurcht, mein Bruder, vor dir, ich hatte das nicht von dir gedacht, und sei überzeugt, ich werde es dir nicht vergessen!

Schlafen gegangen nach Mitternacht, erwachte ich vom dumpfen Laut eines Falles und sah, daß die Sonne noch über den Rand der Erde nicht herauf sein konnte. Das seltsame Luftgrau des Morgens. Ich lausche, höre Bewegung unter mir im Zimmer des Toten, wo mein Vater auf einem Diwan schläft, springe aus dem Bett, eile treppab und treffe im Flur mit dem Vater zusammen. Wir öffnen die Tür; vor uns, fast daß wir über ihn strauchelten, liegt ein riesiger Körper, Erasmus. Und das Mädchen, Renate? Es ist hell genug, daß wir sehen können: sie sitzt dort, aber nicht wie bisher. Ihr Kopf ist vornüber geneigt, die Schläfe liegt am Polster der Lehne, wir treten hin zu ihr, da hören wir schon, daß sie atmet. Sie schläft. Ihre Hände, ihr Gesicht waren heiß, ihre Wangen glühten, kleine Perlen standen in der Nähe des Haars. Als die Sonne da war, konnten wir sehen, wie die Wangen gerötet waren: ein ganz helles, scharlachnes Rot, zart wie Morgenhimmel und so unschuldig wie eines schlafenden Kindes.

Auf die Bitte meines Vaters hin hob ich sie auf und trug sie zu ihrem Bett, ohne daß sie erwacht wäre. Ihre Glieder waren sehr weich; sie war wieder schwer.

Dann, mit einiger Mühe, gelang es uns, den Erasmus zu wecken, der beim Fortgehn dort zusammengefallen sein mußte, und ihn mit vereinten Kräften treppauf und zu seinem Bette zu schleppen, wo er hinfiel und schlief. Später am Tag sah ich ihn dort. Auch sein Gesicht glühte, erschöpft, schweißbedeckt, gemagert, aber umlodert von solchem Adel, daß ich mich abwandte.