So ist es nun. Die Nacht kam; ich übernahm für den erschöpften Papa die Wache beim Toten und schreibe in mein Buch, das ich durch Lis vorahnende Aufmerksamkeit im Koffer fand. Wo ist Erasmus? Ein drittes Mal war ich eben an der Tür von Renates Zimmer, und nach wie vor fand ich ihn in der Ecke des Sofas, ruhig scheinbar, sitzend mit untergeschlagenen Armen, ihr zugewandt, die dasitzt unverändert, eine lebensgroße Puppe, starräugig im Dunkel.
Geheimnisvolle Vorgänge fördern das Geheimnisvolle zutag. Doch war mir stets klar, daß in diesem riesigen und etwas ungeschlachten Leib sehr zarte Kräfte daheim seien. Und so wie Andre die feine Dryas das Blattwerk der Eiche haben zerteilen sehn, so konnte ich wohl im Nachtdunkel, über seine Schulter geneigt, das erschimmernde Haupt jenes Rätselhaften gewahren, dem es einmal sich loszumachen gelang und seine Kraft zu gebrauchen.
Die dritte Nacht unseres Hierseins, die fünfte seit dem Tode des alten Mannes. Es ist nichts verändert. Wir haben ihn nicht begraben. Selbst wenn ich nicht an einen Zusammenhang der zwei Menschen glaubte, dessen gewaltsames Zerreißen dem lebendigen Teil überaus schädlich sein könnte, würde ich nicht dazu raten, einen Menschen unter die Erde zu bringen, bevor er deutliche Zeichen des Verstorbenseins, der Verwesung von sich gab. Die Luft aber in diesem Haus —, sie kommt mir fast reiner als anderswo vor. Seitdem ich es weiß, empfinde ich lebhaft das Verstummtsein der redebegabten Natur, und ich habe Stunden damit verbracht, in der Nähe des Hauses Spatzen und Meisen zu beobachten, die keinen Laut hören lassen. Äußerst selten einmal ein schwaches Zirpen, das augenblicks erstirbt; sonst nichts. Ärzte, die wir riefen, kamen und gingen kopfschüttelnd: wer den Toten sah, sprach vom Mittel des Aderöffnens; hatte er danach auch das Mädchen beobachtet, so hüllte er sich in Schweigen. Der Papa ist am Rande seiner Kraft, ich selber bin ungewöhnlich erregt. Dies dauert bedenklich lange; kein Ende ist abzusehn, — bei meinem Dämon, ist das Liebe, was dergestalt Lebendes und Totes zusammenschmolz, oder ist es nur Blut? Und wenn ich mich hineindenke: Allmächtige Dinge und andrerseits soviel Ohnmacht? Dann: Wie schauerlich dieser Kampf der zwei Kräfte, von denen keine die Oberhand gewinnt, und man glaubt sie keuchen zu hören durch die ewige Stille: Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn! Und wo ist hier Jakob, wo der Engel? Wie lange die Nacht solchen Ringens? Wie lang zum Hades, Psyche, dein Weg?
Und nun dazu: emsig, emsig die dritte Kraft bei ihrer Arbeit zu wissen, die sich hineingraben will in den Gneis. Erasmus, seltsamer Geist, der sich augenblicks, so bereit, als habe er nichts andres im Sinne gehabt, in dieser Aufgabe verfing, — davon zu schweigen, daß kein Andrer vielleicht sie gesehen hätte. Solang wir hier sind, während mein Vater hülflos seinen Gestorbnen betrachtet, ich mich in der Landschaft herumtrieb, mit den Dorfleuten sprach — die übrigens gar nicht so verstört scheinen, sondern vielmehr als verstünden sie sehr gut, was hier vorgeht —, oder ruderte auf dem Rhein, der in einer Biegung halbstundenweit dem Dorf nahe kommt, — tagein und tagaus, nachtein und nachtaus weicht er nicht von dem Fleck, den er besetzte. Wann er schläft, kann ich nicht sagen. Speise nahm er erst keine; später, als wir Milch und Weißbrot neben ihn stellten, merkten wir nach einiger Zeit in Pausen einige Verminderung und konnten es auch erneuern. Der Wille, sagt man, tut Wunder. Und der seine, geschult seit immer, wie ich glaube daß er ist, muß ihm folgsamer zu Dienst sein als jedem Andern. Möchte es ihm dann gelingen, diese reine Seele in die seine hinüber —
Ich wurde unterbrochen. Erasmus kam ins Sterbezimmer, wo ich schreibend saß, augenscheinlich auf der Suche nach mir, denn er erklärte — ganz ruhig übrigens, beinah sanft —, er verlasse das Haus für eine Weile und würde mich später um etwas zu bitten haben. Seitdem sind drei Stunden vorüber; auch dieser schön ersonnene Versuch ist gescheitert, aber die Ungewöhnlichkeit des Vorgangs macht mir ihn wert, ihn zu beschreiben.
Erasmus also kehrte zurück, eine Decke in der Hand, in die er das Wesen hüllte, worauf er sie auf die Arme nahm und mich aufforderte, mit ihm zu kommen.
Die Nacht war sehr kühl, sternlos, windig und feucht; vollkommen dunkel. Erasmus mußte die Wege in der Gegend von seinem früheren Besuche her kennen, denn er ging mit vollkommener Sicherheit durch das Finster, kaum einmal strauchelnd im aufgeweichten Boden. Da meine Augen die Gabe haben, besser als andre im Dunkel zu sehn, erkannte ich bald den Weg, der durch die Weingärten zum Rhein führen würde. Erstaunliche Einfälle, bei Gott, hat dieser Mensch! Physik und Metaphysik, welche von beiden, dacht ich, hat ihn auf diesen Gedanken gebracht, denn ich will nicht mehr Montfort heißen, wenn er nicht vorhat, das starre Geschöpf in den Rhein zu tauchen. Sie ist aus diesem Boden gewachsen, der Gedanke ist vernünftig, die Natur hat unbekannte Kräfte, Verbindungen, Zauber, — wahrhaftig, er hat recht, man muß sie in den Strom versenken, und was auch die Folge sein wird, Tod oder Leben, das unnatürliche Band wird zerreißen, und wenn er Glück hat, so gelingt es ihm, ihre Seele feurig aus dem Gewässer zu heben, wo er ein eisiges Bildnis versenkte. So dacht ich und fühlte das Kostbare der vom Rhein herüber hauchenden Luft von fast feuriger Kälte; reinen Odem der Erde und so ungebraucht, daß ich mich zurückversetzt fühlte in der Zeit um Jahrhunderte.
Wir kamen ans hohe Ufer, das uns für Minuten der Mond, ein kaltes Halbgesicht im Gewölk, sehen ließ, dazu in der Tiefe die ruhig nachthin strömende Fläche, rastlos erfüllt von einem andern als dem Geiste der Feste, — zu der eine schmale Treppe zwischen den Rebstöcken hinunterführte. Der Schattenriß eines langen Kahns war dort unten. Die kahlen Ufer, hügelig im verfahlten Licht, erschienen öde. Mein Bruder senkte seine Last auf den Boden des Nachens und legte sie, wie sie liegen konnte, seitwärts, worauf er zwei lange Stangen aufnahm und mir eine gab mit dem Bemerken, hier sei es zu tief für ihn, aber weiter unten im Strom eine Furt. — Weshalb er schon jetzt seine Kleider abwarf und am Ufer niederlegte, erklärte er mir noch, indem er mich bat, falls das Mädchen zu sich kommen sollte, allein mit ihr ans Ufer zu fahren und ihn zu erwarten, der zu Fuß zu seinen Kleidern zurückgehen würde.
Im Fahren hatte ich dann meine Freude an seiner heroischen nackten Gestalt, die in der Spitze des Kahns mit erhobenen Armen gleichmäßig einmal über das andre die Stange ins dunkle Gewässer senkte und wieder heraufholte. Wir stießen den Kahn in die Strömung und konnten ihn treiben lassen. Wir fuhren lautlos und rasch; kaum vernehmbar, von den Ufern her, rauschte das Wasser. Einige Minuten später hörte ich den Kiel auf Steinen knirschen; wir saßen fest. Erasmus sprang in die Flut und watete zum Ende des Kahns, wo sie bereits seine Hüfte überstieg; ich hob die Scheintote aus ihrer Decke, legte sie in seine Arme, sah ihn tiefer ins Dunkle watend versinken und sie mit ihm. Als nur noch ihr Haupt, bleich und wie steinern, die Fläche überragte, schienen mir anderthalb Jahrtausende noch nicht gewesen zu sein. Der Rhein floß durch die römische Provinz; wir senkten geheim ein Götterbild in den Strom, letzter Schutz vor den Eifernden einer neuen Lehre.
Erasmus dauerte aus. Mir fielen die Augen zu, geschläfert vom einförmigen Gurgeln des Flusses, der lauter und lauter zu rauschen begann. Dann hörte ich die Arbeit des Gewaltigen durch die Jahrtausende, die den Schiefer benagte, furchtbar rastlos. Die Einsamkeit wuchs überm Strom. Es war kalt. Aber in einem Halbjahr würden diese jetzt kahlen Hügel überschüttet sein mit den süßen Gefäßen des Feuers, eine einzige Glut alles überwogt haben, brennend vom ausgeschütteten Pfeilhagel einer unerschöpflichen Sonne. Und hier bei mir im Strom — — bei halbgeöffneten Augen sah ich im Zenit der Nacht quellendes Licht, Wolkenumrisse, und jetzt in meiner Tiefe dunkel die Fläche des Stroms, glänzend darin eine Mannsschulter, nackt, ein dunkleres Haupt, und daneben das Alabastergesicht über dem Wasser. Ganz mächtig im Eisigen dieser Flut spürte ich da die lebendige Glut seines Leibes, seiner Seele, und so tief, daß es mich schauderte meiner Kühle. Rufe die Götter, dacht ich, Pygmalion! Ich ward fast neidisch.