„So muß man“, sagte ich, „die Orgel spielen, um sie aufzuwecken.“
Er sah mich verwundert an. Das sei ein Gedanke, meinte er, wie ich darauf komme?
„Willst du spielen?“ fragte er nach einer Weile.
„Leider“, mußte ich bekennen, „ist mir die Orgel ganz fremd. Es müßte auch ein Stück sein, das der Tote kennt, ein Lieblingsstück vielleicht, und ich lese, wie du weißt, keine Noten.“
Damit schlug ich den Lehrer vor, der wahrscheinlich Organist an der Kirche sei.
Ich hatte mich aber noch kaum zur Türe zurückgewandt, so ereignete sich das Seltsame, daß die Orgel ertönte. Klar auftretende, lang gezogene Töne kamen herüber, andre Stimmen mischten sich präludierend herein, noch leise; dann mit plötzlich erschreckendem Brausen und voller Macht breitete sich die Kantate Bachs: Mein gläubiges Herze, frohlocke sing scherze! wundervoll jubelnd in die Lüfte. — Später erfuhr ich dann, daß der Lehrer, dem es eingefallen war, das „Leibstück des Seligen“, wie er sagte, zu spielen, es freilich nicht aus unserm Gedanken heraus, sondern schlicht aus seiner und Aller Bedrängnis gespielt hatte.
Als mein Vater und ich in die Tür traten, hatten wir die befremdliche Erscheinung, in der rechten Ecke des Sofas uns gegenüber — in der linken saß das Mädchen — den Erasmus sitzen zu sehn; den Arm auf der Rücklehne, seitwärts und zu ihr gewandt, saß er still und wie sie unbeweglich.
Aber keine Wirkung des Orgelspiels ergab sich; nicht die geringste.
Ich weiß eigentlich nicht, warum das so war. Wenn es wahr war, daß diese Beiden einander so verhaftet waren im Leben, daß sie sich nicht losreißen konnten; daß nun die Lebendige hier angeschlossen war an die Erstarrtheit des Todes, und der Tote angeschlossen ans innere Feuer des Lebens, zu einem grausamen Gleichgewicht Beide des Nichtsterbenkönnens und Nichtlebens, — so mußte es einen Weg geben, das magische Band zu zerreißen. Magische Bande sind stark, aber zart, und allzuzart immer gegen das Hiesige. War die Erstarrung so tief? War sie ganz taub für die Welt? Sie blieb unverändert.
Es dunkelte derweil. Der Choral: Nun ruhen alle Wälder legte sich wie ein dunklerer Strom über das schon versinkende Licht, und als er verstummte, hatte die schweigsame Welt sich geteilt in weite, leuchtende Klarheit oben, in verschattete Enge unten, wo mit bleicherem Weiß nur die blühenden Kuppeln noch das Licht festhielten.