„Nun war die Decke fort. Der Himmel sah nicht herein. Der Tote sah herein, und wir sprachen miteinander. Erst im Traum nur. Dann auch ... Wir hatten uns ja sonst niemals schlecht vertragen die letzten Jahre; und er war allzeit großartig gewesen und trug nichts nach. Nun war auch immer etwas Hinterlist dabei, so wie er sonst nicht war. Und er wollte mir beweisen, daß ich ganz recht getan hatte. So war Josef.“

Es kam nichts mehr. Renate sagte: „Weiter, Erasmus!“ die Hand festhaltend wie ein warmes Tier, das immer davonwill.

„Wir verglichen,“ stieß er sich wieder vorwärts, „wir verglichen mein Leben und seinen Tod. Immer fehlte etwas bei mir am Gewicht. Ich dachte, ich würde verrückt. Wir hockten da beieinander und suchten und fanden es nicht.“ Er stockte.

„Das hat lange gedauert. Alte Begriffe sitzen sehr fest an einem. Es giebt so eine Konchylie, die am Bauch der Schiffe sich festsetzt und steinhart wird. Man muß sie mit der Axt abschlagen. Und man hat so gelernt: Tod muß mit Tod bezahlt werden. Aber das war locker geworden, und ich dachte: Stimmt das? Ein Mann hat einen andern erschlagen, und das Volk sagt: Gerechtigkeit! er muß auch sterben. — Wenn nun die Gerechtigkeit erfüllt wird, so empfindet das Volk Genugtuung. Ich arbeitete so mit Schlüssen. Es empfindet Genugtuung über die Gerechtigkeit, und das stellt sich dar in Genugtuung über einen zweiten Mord. Ist das gut? Nein. Aber der getötet hatte, empfand auch Genugtuung. Heben die beiden sich auf? Die Algebra sagt: Minus mal Minus giebt Plus.

„Ja, so hab ich gerechnet“, fuhr die immer mehr dröhnende Stimme fort, während die Hand in Renates Händen feucht wurde und klebend. „Und dann fiel mir ein: Gott machte an Kain ein Zeichen, und keiner durfte ihn anrühren. Unstet und flüchtig heißt es. Er wollte also keinen zweiten Mord. Er wollte, ich soll unstet leben.“

Renate sagte leise: „Und dein Vater? Er hatte doch ver—“

Sie endete nicht, da er seine Hand aus den ihren nahm, um eine abwehrende Bewegung zu machen.

„Er — ja, für sich! Aber für mich, und Josef, und die Welt? Nein, soweit war das schon richtig mit Gott.“ Er sprang auf und stellte sich irgendwo im Zimmer auf, unsichtbar hinter Renate, deren Hände plötzlich aufatmeten.

„Aber nun das mit dem unsteten Leben“, hörte sie seine Stimme verdeckt und sah, sich ein wenig wendend, ihn an der Wand stehn, eine Faust darauf und auf sie die Stirne gelegt. Sie sah wieder fort.

„Wie soll man sich das vorstellen? Es war doch ein langes Leben wohl? Wovon lebte er denn? und wie? Immer auf der Flucht? Da dacht ich: das sind so menschliche Vorstellungen. Die Menschen erraten zuweilen etwas, es blitzt etwas auf, so das mit dem Zeichen, das Gott machte. Weiter wissen sie dann nicht, und das war eben das Wichtige. Er sühnte so — und es ging sie ja auch nichts an.“