Nun sprach er schneller und immer heftiger weiter.

„Ich hab das immerzu gedacht. Gerechtigkeit ist so ein irdischer Begriff. Er kommt vom Wert. Jedes Ding wird gleich gewogen mit einem zweiten, und Gerechtigkeit läßt sich kaufen. Früher kauften sie auch Frauen, und es giebt Länder, wo Blut mit Gold bezahlt wird. Hilf mir doch weiter!“ stöhnte er plötzlich, und erschrocken sich umwendend sah sie ihn in einer seltsamen und furchtbaren Haltung vor dem Schrank, die Stirne ganz tief dagegen gesenkt und mit ausgebreiteten Händen auf und nieder gleitend an den Kanten, — so wie ein Tier, das irr geworden ist von Gefangenschaft. Renate war gleich darauf bei ihm, er ließ sich aufrichten, legte seinen Kopf auf ihre Schulter und blieb so eine Weile. Plötzlich machte er sich dann los, setzte sich in Bewegung und redete vor sich hin, auf und ab gehend, und ohne die gesenkten Augen und den Kopf zu erheben; die Hände griffen dabei.

„Die Rechnung stimmt eben nicht. Jedes Ding ist einzig. Das Volk denkt: Wenn mein Weib stirbt, nehm ich ein andres. Das hab ich immerzu gedacht. Kann Gott — ich meine: wenn es einen giebt und er hat eine Gerechtigkeit, kann sie auch so —?

„Nein. Für ihn ist alles einzig und unersetzlich. Ist das menschlich zu wägen? Nein, hin ist hin.

„Aber dann dacht ich: kann der Mensch nicht etwas tun? Nehmen und dann wiedergeben, und wenns ihm auch sauer wird, ist doch keine Leistung. Was aber noch? Ich dachte: der Mensch kann mehr tun.“

Renate hatte sich auf den Stuhl am Tische gesetzt und die Hände darauf gefaltet. „Das hast du gedacht?“ fragte sie ergriffen.

„Es ergab sich so. Man muß rechnen, und man muß immer weiter denken. Früher, wie gesagt, war da Gang und Höhle, und so ist es mit dem Denken: links, rechts, rechts, links, und dann die Wand. Nein weiter: oben — unten ...“

Stehen bleibend, sah er Renate mit jenem beschränkten und unbeholfenen Frageblick an, den sie kannte. „Mußtest du immer denken?“ fragte sie behutsam. Er begann wieder zu gehn. Erst nach einer Weile rief er:

„Na ja, was denn, was denn? Denken, der Mensch muß denken! Langsam kommt man vorwärts, und ich trat immer auf dieselbe Stelle und sah mich um. So muß mans machen.

„Also nun das Mehr-tun. Wie fängt man das an? An den Menschen ist freilich immer zu tun, aber —“ er brach enttäuscht ab. „Ihnen ist ja nicht zu helfen!“