„Ich meine, versteh mich recht,“ fing er gleich wieder an, „nicht auf meine Weise! mit meinen Mitteln! Was läßt sich denn ausrichten? Ich hab doch nur Geld. Was kann man machen? Wenn ich alles verteilt hätte, wenn ich jedem so viel gegeben hätte, ich meine jetzt: meinen Arbeitern, daß er so viel hatte wie ich selbst, das wäre doch ungerecht gewesen! Dann hätte ich doch zu wenig bekommen! Und was kann man sonst tun? Da sind überall die Gleise: Krankenhäuser, Pensionen, und bessere Wohnungen, und dergleichen —“ Er schöpfte Atem. „Was ist denn damit gedient?

„Man kann immer nur flicken. Das ist ja auch alles nicht der Rede wert, das war ja für mich alles viel zu wenig, da bin ich auch bald abgekommen. Ich habe einfach — gerechnet! Ja!“ schloß er mit großer Bestimmtheit, vor Renate stehend mit schwerem, aber fast zufriedenem Blick. Und nun sprach er schnell weiter:

„Einem hab ich genommen, einem muß ich geben. Das Dasein hier, das ist ganz aufgebaut auf Zwein. Zwei machen die Zeugung, ohne die steht alles still. Zwei sind das Letzte. Wer Allen was tun will, der muß sein — wie Christus. Ich meine: so einer kann ihnen doch nur mit der Seele helfen. Das ist doch klar! Ja, die Mathematik, wer die begreift, das ist eine göttliche Kunst! Es giebt eine Zahl darin, laß dir sagen,“ redete er inständig, doch scheinbar ohne sie recht zu sehn, auf Renate ein, „das ist die Null. Die verzehnfacht jede Zahl, wenn man sie dahinter stellt. Ist das nicht ein Geheimnis? Wie macht sie das? Durch ein andres Geheimnis, nicht wahr? Null ist nämlich in der Mathematik gleich Unendlich!“ schloß er mit ausgestrecktem Zeigefinger vor Renate hin.

„Null ist gleich Unendlich. Und das Unendliche in Verbindung mit einem Endlichen wirkt in endlicher Weise, und mit einem Irdischen in irdischer Weise. Die Kraft des Unendlichen wirkt durch Verzehnfachen, Verhundert-, Vertausendfachen. An sich ist sie nichts, ist Null, für uns, ja für uns Null. Oder x, die Unbekannte. Null ist gleich x. In jeder Aufgabe, die sich löst, muß x gleich Null sein.“

Renate bemühte sich, mit dem offenen Blick des Verstehens und Einverständnisses an diesen, jetzt quellenden und glühenden Augen zu hängen, ohne doch dabei sie, die verwirrenden, richtig zu sehn; und sie klammerte sich an etwas, das ferne hinter ihnen, und hinter all diesem Sinnlosen und wieder Sinnreichen, zu dämmern schien wie ein Auge voll großer Vernunft.

„Aber“, sprach er weiter, „wenn du nun Übertragungen vornimmst auf die menschlichen Zustände, so gehts wie mit allen Übertragungen des Göttlichen: es geht immer nur bis zu einer gewissen Grenze. Ich stand gleich vor einer Schranke, vor zwei Schranken, ja, und hinter jeder warst du!“

Er rief ihr das zu — so wie man einem etwas ins Gesicht ruft, damit er endlich begreift, und erst hinterher schien ihm bewußt zu werden, was das denn hieß, denn er brach ab, legte das Gesicht auf die Seite und versuchte zu lächeln, ohne Renate anzusehn, auf sehr traurige Weise. — Sie sagte nur: „Weiter, Erasmus!“ und als hätte es nichts weiter gebraucht als das, war er wieder in Erregung und sprach, jedoch ohne sie anzusehn, gegen den Tisch:

„Die eine Schranke war so. Einem Menschen hatt’ ich genommen, einem andern mußte ich geben. Was? Das Leben. Ja, mein Gott, was solltest du mit meinem Leben? Damals warst du krank. Was sollte ich tun? Konnt ich wie damals? Wenn ich kam, liefst du weg und schriest —“

Er verstummte. Sie konnte die Augen nicht offen halten, schaudernd vor der Erinnerung an ein Tier, an den Tiger, der ihr damals zuweilen Entsetzen eingeflößt hatte.

„Weiter, Erasmus, weiter!“ flehte sie.